Macht und Machtmissbrauch – Karine Tuil: Menschliche Dinge

Die Farels haben es offenbar geschafft: Eine Vorzeigefamilie. Jean Farel ist ein berühmter Politikjournalist und Produzent, bekannt und beliebt im ganzen Land. Seine Frau Claire, deutlich jünger als er, ist Schriftstellerin und Intellektuelle, die einst ihre Karriere im Weißen Haus begann. Und ihr Sohn Alexandre studiert an Elite-Universitäten in den USA. Er kommt nach Frankreich, weil seinem Vater ein wichtiger Orden der Ehrenlegion verliehen werden soll.

Hinter der Fassade sieht alles etwas anders aus: Jean kämpft gegen mächtige Gegner, die ihm seinen unangefochtenen Platz im Sender streitig machen wollen, er fürchtet, zum alten Eisen zu gehören, bald aussortiert zu werden. Seit vielen Jahren hat er eine Affäre mit Francoise, die er liebt (oder glaubt zu lieben) und die nun beginnt, in eine Demenz zu verschwinden. Seine Frau Claire hat ihrerseits seit einiger Zeit eine Affäre mit Adam Wizman, einem jüdischen Lehrer, der nach langem Hin und Her beschlossen hat, seine Frau für Claire zu verlassen. Alles droht auseinanderzubrechen, als Alexandre die Tochter Adams mit auf eine Party nimmt: Am nächsten Tag berichtet sie völlig aufgelöst, dass Alexandre sie vergewaltigt habe, während er sagt, es sei eigentlich kaum etwas passiert zwischen ihnen – und mit dem, was geschehen sei, sei Mila einverstanden gewesen.

Karine Tuil hat mit „Menschliche Dinge“ einen Metoo-Roman geschrieben, der auf eindrucksvolle Weise aufzeigt, wie die Welt sowohl der jungen Mila als auch der Familie Farel aus den Fugen gerät. Zum großen Teil erzählt Tuil die Geschichte einer Gerichtsverhandlung, geht den Geschehnissen bis ins Kleinste auf den Grund, nimmt sowohl Mila als auch Alexandre ernst und ergreift nie Partei, so dass man auch als LeserIn hin- und hergerissen ist. So kann man gar nicht anders, als den Vorfall beurteilen zu wollen und immer wieder neu zu hinterfragen, sich abwechselnd in Alexandre und Mila hineinzuversetzen, sich immer wieder die Frage nach der moralischen Schuld zu stellen. Tuil macht beide Positionen so nachvollziehbar wie spürbar, zeigt auf, wie die Figuren im Innersten erschüttert werden, während es vor Gericht letztlich „nur“ um die juristische Wahrheit geht.

Durch den schwerwiegenden Vorwurf der Vergewaltigung wird die ganze Familie Farel in ihren Grundfesten erschüttert. So kann die Beziehung von Claire und Adam dem Geschehen nicht standhalten, und hinzu kommt, dass Claire als Intellektuelle und Feministin vor einem Dilemma steht. Erst vor kurzem war sie durch Aussagen zur Kölner Silvesternacht 2015 in die Kritik geraten, man hatte ihr Islamophobie vorgeworfen. Doch wie kann sie nun Partei ergreifen, da es um ihren eigenen Sohn geht? So schweigt sie und empfindet ihr Schweigen selbst als persönliche Niederlage.

„Menschliche Dinge“ ist – und das auf mehreren Ebenen immer wieder durchgespielt – auch eine Studie über Macht und Machtmissbrauch. Das beginnt bei Jean, der lange Jahre gewohnt war, zu bekommen, was er wollte und der seine Zweitbeziehung für das Selbstverständlichste der Welt hält, während für Claire stets andere Maßstabe galten, ihr Verhalten völlig anders in der Öffentlichkeit bewertet wird als das ihres Mannes. Bis hin zu Alexandre und Mila, deren Geschichte verdeutlicht, wie unterschiedlich die Welten sind, in denen sie leben, obwohl es doch die gleiche sein sollte, denn beide bringen vor Gericht ihre eigene Wahrheit.

„Menschliche Dinge“ ist ein äußerst fesselnder Roman über eine Familie, deren heile Fassade einzubrechen droht, über Menschen, mit denen man gar nicht anders kann, als mitzufiebern, obwohl man eigentlich lieber nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Darüber, wie eine einzige Nacht die Welt und das Selbstverständnis einer jungen Frau völlig zerstören kann, darüber, dass man auf verschiedene Weisen Opfer sein kann. Dass Tuil auch Juristin ist, meint man, den Gerichtsszenen anzumerken. Kritisch und unverblümt legt Tuil in ihrem Roman den Finger in die Wunde.

„Das war vielleicht die einzige Lektion, die er aus den schweren Zeiten mitgenommen hatte: Alles, ausnahmslos alles im Leben konnte von einem Moment auf den anderen aus den Fugen geraten.“ Kapitel 4

Karine Tuil: Menschliche Dinge, aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff, Claassen, 384 Seiten

 

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4 Antworten zu Macht und Machtmissbrauch – Karine Tuil: Menschliche Dinge

  1. marinabuettner schreibt:

    Sehr gute Besprechung zu einem sehr guten Buch!
    Meine kommt am Freitag …
    Viele Grüße!

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