Lost Places – Kai Wieland: Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und will sich nicht festlegen. Die letzten Jahre ist er viel gereist, er sieht sich als ruheloser Geist, während seine Familie im Schwäbischen verwurzelt ist. Die Mutter ist seit ein paar Jahren tot, es war ein Suizid, der tiefe Wunden geschlagen hat. Seine Schwester hat einen Mann geheiratet, den Leon simpel und uninteressant findet. Sie ist Mutter zweier Jungs, von denen der eine ein „schwieriges Kind“ ist, was immer das auch genau bedeutet. Der Vater lebt allein im großen Haus am Wald und schlägt Leon einen Wohnungstausch vor. Das Haus sei viel zu groß für ihn, Leons kleine Wohnung habe vielmehr die richtige Größe für einen älteren Mann und die Alternative sei, das Haus zu verkaufen. Zunächst findet Leon die Idee des Vaters völlig abwegig, doch bald findet er Gefallen an dem Gedanken, in das Elternhaus zurück zu ziehen.

Zunächst einmal jedoch wird er auf eine Recherche geschickt. Es geht um ein Buch über „Lost Places“ in Frankreich, vergessene bzw. verlorene Orte also, Orte ohne Tourismus, Orte, deren Bedeutung historisch (noch) nicht aufgearbeitet wurde bzw. deren Bedeutung als eher gering eingeschätzt wird. Dafür benötigt Leon einen Fotografen, und seine Wahl fällt auf Janko, einen Exzentriker, ein zunächst völlig Unbekannter für ihn, mit dem er sofort intellektuelle Machtspielchen beginnt und der von sich und seinen Fähigkeiten ebenso überzeugt ist wie Leon von den seinen.

„Es hätte genügend Fotografen gegeben, deren Fähigkeiten und Eignung, die Sehnsucht nach dem Bildrauschen zu dokumentieren, ich besser einschätzen konnte, aber ich wollte mit jemandem reisen, der in Nortzeele seine eigene Geschichte erzählen würde, anstatt bloß die meine zu bebildern. Janko verstand sich als Künstler, der die Erzählgewalt über alles beanspruchte, was er auf Film bannte. Vielleicht würde es ein Kampf werden, aber ich versprach mir Schattierungen davon, und das war Grund genug, ihn zu fragen.“ S. 56

Kai Wieland schickt in seinem zweiten Roman „Zeit der Wildschweine“ Leon los auf eine Reise, deren Verlauf so ungewiss ist wie er ungewöhnlich sein wird. Die Kapitel über seine Erlebnisse in Frankreich wechseln sich ab mit den Schilderungen dessen, was zu Hause in Schwaben passiert, nachdem er von seiner Reise zurück ist. Beide Erzählstränge scheinen sich dabei gleichzeitig anzunähern wie auseinanderzudriften, und im Laufe des Romans wird alles nebulöser und verschwommener.

Da sind die Diskussionen mit Leons Schwester Jana, die ihm seine Weigerung, einen Standpunkt, Verantwortung zu übernehmen, übelnimmt, die Begegnungen mit dem Nachbarn Seibold, den Leon schon als kleiner Junge kannte und der wie selbstverständlich in Leons Haus ein- und auszugehen scheint, sowie der Vater, der unübersehbar alt wird. Diese Bodenständigkeit steht denn auch im Kontrast zu den Geschehnissen in Frankreich, Leons Begegnung mit einer jungen Surferin, deren Geschichten ihn in ihren Bann ziehen, die intellektuellen Diskussionen mit Janko, das Hineingeraten in Dreharbeiten für einen Kriegsfilm. Was dort passiert, beginnt sich hier zu spiegeln, das große Haus wird zu einem verlassenen Ort, die Wildschweine sind für Leon mehr Legende als Wirklichkeit. Und irgendwann weiß man als LeserIn dann nicht mehr, was ist wahr, was ist nur eine Geschichte, was am Ende Einbildung, Traum oder Lüge.

Wielands Sprache ist originell und experimentell, sie bringt Leons intellektuelles Selbstverständnis zum Ausdruck. Er schafft starke Bilder, Wort- und Satzkonstruktionen, die so kreativ wie treffend sind. Da ist die „Spanholztrauer“ (S. 80) seines Umfelds nach dem Tod der Mutter, die er nicht erträgt (sofort stellt sich bei diesem Wort ein flüchtiges, aber passendes Gefühl ein), oder diese Beschreibung eines heißen Sommers:

In schwülen Nächten kleben die Träume direkt unter den Lidern, die Augen brennen und drücken fiebrig und heute Nacht ist der Schmerz kaum auszuhalten.“ S. 243

Es sind Passagen wie diese, die „Zeit der Wildschweine“ ausmachen, es ist die Mischung aus Fassbarem und Nichtfassbarem, es ist das Wiedererkennen von Handfestem, das niemandem fremd ist und die Faszination dessen, was nicht greifbar ist. Die Dopplungen und Spiegelungen, die sich mit der Zeit offenbaren. Dazu jede Menge popkulturelle Referenzen, die Spaß machen. „Zeit der Wildschweine“ ist ein fesselnder Roman, der sich dem Leser zum Teil verweigert, aber auch deshalb lange nachhallt.

Kai Wieland: Zeit der Wildschweine, Klett-Cotta Verlag, 2020, 271 Seiten

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