Frauen, verlasst euch nur auf euch selbst! – Martyna Bunda: Das Glück der kalten Jahre

Rozela verliert ihren Mann durch einen Unfall auf einer Baustelle in der polnischen Hafenstadt Gdingen. Sie erhält eine staatliche Entschädigung, die es ihr ermöglicht, für sich und die drei Töchter ein Haus zu bauen, in dem sie den Krieg überstehen. Doch es kann Rozela nicht davor bewahren, gegen Ende des Krieges Opfer von Anhängern der sowjetischen Armee zu werden, die sie überfallen und vergewaltigen. Ein Trauma, das Rozela und auch ihre Töchter ihr Leben lang begleiten wird.

Dennoch, Rozela lebt ihr Leben strickt nach dem Vorsatz, sich von nichts und niemandem unterkriegen zu lassen. Als uneheliche Tochter einer unehelichen Tochter musste sie stets mehr kämpfen als andere. Diesen Überlebenswillen gibt sie auch an ihre eigenen Töchter Gerta, Truda und Ilda weiter. Das Wichtigste dabei überhaupt ist, sich nicht auf andere, vor allem nicht auf Männer zu verlassen, sondern nur auf sich selbst und auf einander.

So scheint es nur folgerichtig, dass die Schwestern mit ihren Männern allesamt nicht das finden, was sie sich wünschen. Truda darf ihre große Liebe, den Deutschen Jakob, nicht heiraten, erhält aber zeitlebens Briefe und Päckchen von ihm aus Berlin. Jan, den sie stattdessen heiratet, kommt später ins Gefängnis und lässt Truda somit ebenso im Stich wie zuvor Jakob. Gertas Mann Tadeusz kann das Geld nicht zusammenhalten und enttäuscht daher auf andere Weise, während Ilda sich an einen Mann bindet, der noch eine Frau hat, die er nicht verlassen will und der stets dafür sorgt, der absolute Mittelpunkt in Ildas Welt zu sein.

Die Schwestern kehren immer wieder zurück in das Haus der Kindheit, wo sie als Selbstversorgerinnen gelebt haben – stets äußerst pragmatisch, wenn es zum Beispiel um das Schlachten von liebgewonnenen Tieren geht. Und so ziehen die Jahre ins Land, von denen Martyna Bunda in einzelnen Episoden erzählt, die in größere, mit Jahreszeiten überschriebene Kapitel gegliedert sind.

Ich habe ungewöhnlich lang für die Lektüre dieses Romans gebraucht, habe schwer hineingefunden. Der Ton, der den einzelnen Schwestern zukommt, wenn über sie erzählt wird, unterscheidet sich kaum, so dass ich Probleme hatte, sie auseinanderzuhalten. Zudem erzählt Bunda sehr sprunghaft. Vor allem aber kommen sämtliche Männer im Roman sehr schlecht weg, sie sind unzuverlässig, feige, kindisch und verantwortungslos. Natürlich ist das gewollt, der Fokus liegt ganz klar auf den Frauen der Geschichte, auf der Stärke und Kraft, mit der sie alle Probleme meistern, die auf sie zukommen. Womoglich sind die „guten Männer“ alle im Krieg gefallen und Gerta, Truda und Ilda mussten sich, salopp gesagt, mit dem begnügen, was übrig blieb. Dennoch: Die Männer werden sehr einseitig dargestellt und ohne Interesse, vor allem aber bleiben sie sehr blass, fast wie Statisten. Dazu sagte Bunda, sie habe sich bewusst dafür entschieden, die Traumata der Männer nicht weiter auszuarbeiten, sondern sich auf die Frauen zu konzentrieren und darauf, zu zeigen, wie die Empfindsamkeit nach den schweren Schlägen in ihr Leben zurückkehrt. Und dabei habe sie die Männer herausgelassen, die die Geschichte eventuell verwässert hätten.

Für mich ist dieses Konzept nicht ganz aufgegangen, zu einseitig geriet mir die Lektüre, zu negativ das Licht, in dem Bunda sämtliche Männer stehen lässt. Ein paar Zwischentöne, ein bisschen mehr Tiefe und das hätte schon ganz anders ausgesehen. „Das Glück der kalten Jahre“ erzählt eine Geschichte über ein Jahrhundert hinweg, eine Geschichte, die meist vor sich hin mäandert, ohne große Höhepunkte und ohne, dass mir die Figuren sonderlich nahe gekommen wären. So wird der Roman wohl keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Martyna Bunda arbeitete lange als Journalistin und wurde für ihre Reportagen vielfach ausgezeichnet. „Das Glück der kalten Jahre“ ist ihr literarisches Debüt. Positiver wurde der Roman auf Zeichen und Zeiten besprochen.

Martyna Bunda: Das Glück der kalten Jahre, aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Suhrkamp Verlag, 2019, 317 Seiten

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