Eine Welt, fast wie unsere – Laura Lichtblau: Schwarzpulver

Dieses Buch hat zunächst einmal durch Äußerlichkeiten meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das schwarze Cover, die nur halb sichtbaren, wie aus der Zeit gefallenen, so ernst schauenden Kindergesichter, aber auch der Titel, der Bedrohung ausstrahlt, ja, selbst der Name der Autorin – alles passt hier zueinander. Ich lese eigentlich nie Dystopien, weil mir düstere, kalte Welten zu bedrohlich, zu finster und deprimierend sind, doch hier griff ich zu. Und ich habe es nicht bereut, „Schwarzpulver“ hat mich gefesselt, mich im besten Sinne verwirrt und überzeugt.

Laura Lichtblau erzählt in ihrem Debütroman hauptsächlich von drei Personen. Da ist der junge Charlie, der ein unbezahltes Praktikum bei einem Musiklabel macht und sich dabei wissentlich gehörig ausnutzen lässt. Seine Mutter Charlotte hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Präzisionsschützin absolviert, eine Ausbildung, die nur wenige Wochen gedauert hat. Sie arbeitet für „die Partei“, die auch immer nur genauso genannt wird, ist Mitglied einer Bürgerwehr, die die Polizei unterstützt. Bisher musste sie von der Waffe noch nicht Gebrauch machen. Die eigentlichen Ordnungshüter sind nicht begeistert von den neuen Kollegen, die das Schießen in wenigen Wochen gelernt haben, doch da sie von der Partei eingesetzt wurden, scheint es besser, sich nicht gegen sie zu stellen oder zu äußern – zumindest nicht, wenn die falschen Leute zuhören.

Die dritte Figur im Roman ist Burschi, eigentlich Elise, sie ist die am wenigsten greifbare, die, deren Szenen etwas diffus bleiben. Sie kümmert sich um ein altes Ehepaar, nutzt es andererseits auch aus. Was genau sie macht, wo sie herkommt, all das bleibt ein wenig nebulös. Sie steht auf Frauen und verliebt sich in Johanna, die wie Burschi wenig fassbar bleibt.

Die Welt in „Schwarzpulver“ ist von unserer nicht besonders weit entfernt, wahrscheinlich befinden wir uns nur wenige Jahre in einer Zukunft, die auf den ersten Blick nicht besonders bedrohlich erscheint, in der sich, so hat man den Eindruck, nicht viel verschoben hat. Doch schnell wird klar, es tut sich viel, während die Bevölkerung wegschaut, lieber so tut, als wäre alles beim alten. Die Partei versucht, die Menschen im Land zu kontrollieren, ihnen ihre Vorstellungen, ihre sogenannten Werte aufzustülpen – und sie wurde vom Volk gewählt, ist ordentlich an die Macht gekommen. Parallelen zu unserer Wirklichkeit finden sich einige, und bei der Lektüre geht es schnell mit Assoziationen zu unserem Leben.

Charlotte arbeitet für die Partei, weil der Job für sie einen Ausweg bedeutete. Sie ist alleinerziehend und damit schon einmal geächtet. Sie scheint etwas Gutes zu tun, für die Gemeinschaft, für ihr Land. Zumindest redet sie sich das ein.

„Andererseits haben wir in der Ausbildung auch etwas über die psychische Belastung gelernt, ein Schuss, der schießt sich nicht mal eben so, Menschen schießt man nicht mal eben so an, die ballert man nicht einfach weg wie die Konservenbüchsen aus dem Training. Wir haben eine Lerneinheit über das Schlechte Gewissen gehabt, nach stundenlangem Observieren kann einem das Zielobjekt vertraut erscheinen, menschlich.“ S, 86

Es gibt mehrere Stellen im Roman, die einem so absurd erscheinen, wie diese Textstelle, bei denen es einem einerseits kalt den Rücken hinunterläuft, es andererseits in seiner Absurdität komisch, wie übertrieben wirkt. Doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Wie weit sind wir wirklich entfernt von der Realität in „Schwarzpulver“? Das Berlin, in dem die Geschichte zum Großteil spielt, ist ein leicht verschobenes, in dem es eine U-Bahnlinie 10 und einen Anita-Augspurg-Platz gibt.

Charlie und Charlotte kommen Zweifel an der Richtigkeit der Welt, in der sie leben. Charlotte bricht aus, die Dinge drohen, außer Kontrolle zu geraten, sie gerät außer Kontrolle. Burschi scheint von vornherein in ihrer Entwicklung, ihrem Denken weiter zu sein, doch ist sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und den Erfahrungen, die sie gemacht hat, bereits sensibilisiert und weniger leicht zu überraschen und schockieren.

„Was ist das? – Post vom Amt, sage ich ihm, vom Ministerium für Volksgesundheit. Ja bist du deppert. Die wollen mich beraten, in meiner Libido.“ S. 158

Laura Lichtblau hat einen fesselnden Roman geschrieben, sie hat drei strauchelnde, kämpfende Figuren geschaffen und eine Welt, die unserer ähnelt, doch in der sich einiges verschoben hat zugunsten von Überwachung und Vereinheitlichung, immer unter dem Vorwand, nur das Beste zu wollen für die Menschen. Lichtblau hat mich hineingezogen in diese Geschichte, in diese Welt, in diese stets leicht bedrohliche und doch (noch) nicht verlorene Welt. Ich habe keine Vergleiche, kann nicht beurteilen, in wiefern sich der Roman von anderen Romanen mit ähnlicher Grundvoraussetzung unterscheidet. Lichtblau schreibt in origineller, teils bildreicher Sprache, kreativ und nah an ihren Figuren. Ein Roman voller Ambivalenz, zwischen Naivität, Ernst und Komik. Ich empfehle ihr Debüt gern. Es ist ein fiktiver Ausflug in ein Leben, einen Staat, der hoffentlich Fiktion bleibt.

„Als ich so alt war wie du, sagt Ante, wäre das undenkbar gewesen. Er sagt, Es war sogar undenkbar, dass eine solche Partei dieses Land regiert, dass alles so dermaßen kippen würde, hätte ich nie gedacht.“ S. 36

Und wie alt mag Ante schon sein?

Laura Lichtblau: Schwarzpulver, C.H. Beck Verlag, 2020, 202 Seiten

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