Schreiben, Daten und die Krise überwinden – Lily King: Writers & Lovers

Wenn man viel liest, werden sie weniger, die Bücher, die sofort gefangen nehmen, die etwas im Inneren ansprechen, die wie für einen selbst geschrieben zu sein scheinen. Das ist natürlich sehr subjektiv, doch liest ja auch jede und jeder etwas anderes aus einem Roman heraus. Mit „Writers & Lovers“, dem neuen Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Lily King, ging es mir so. Ein Thema, bei dem ich fast blind zugreife, eine Protagonistin, die mir sofort sehr nah ist und eine fesselnde, unterhaltsame Geschichte, die Tiefe hat. Von der Autorin hatte ich außerdem schon „Euphoria“ und „Vater des Regens“ gelesen, vor allem der erstgenannte Roman ist mir in guter Erinnerung. „Writers & Lovers“ ist der dritte Roman der Autorin, der auf Deutsch im C.H. Beck Verlag erscheint.

„Weißt du“, er stößt sich von seinem Auto ab, wartet, bis er meine volle Aufmerksamkeit hat, „ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.“ S. 8

Diesen Satz, der im Roman auf den ersten Seiten fällt, hat Lily King als junge Frau selbst zu hören bekommen und nie vergessen. In einem Vorwort erzählt die Autorin davon, wie sie stets pleite war, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt und bei ihrer Schwester wohnte. Wie sie nichts dringender wollte, als eine Schriftstellerin sein, endlich ihren Roman beenden und veröffentlichen. Und dass sie massenhaft Romane über junge Schriftsteller und ihre Versuche, sich als Autoren zu etablieren, las, aber keine von bzw. über Frauen, da es einfach keine gab. Einen Roman wie „Writers & Lovers“ hätte die junge Lily King sich damals gewünscht. Nach dem Tod von Kings Mutter schien nun der Zeitpunkt gekommen, diesen Roman zu schreiben.

Kings Protagonistin Casey, die sie aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, ist also so etwas wie ein Alter Ego der Autorin, wobei es sich natürlich um ein Werk der Fiktion handelt, doch man darf wohl davon ausgehen, dass sie einiges des Erzählten so oder ähnlich erlebt oder in ihrem Umfeld beobachtet hat.

Casey ist nach Boston gezogen, nachdem ihre Mutter, noch keine 60, plötzlich und unerwartet in einem Urlaub in Chile gestorben ist. Für Casey ein schlimmer Schlag. In Boston lebt sie zur Untermiete in der Garage eines Bekannten, führt dessen Hund aus und arbeitet als Kellnerin. In der freien Zeit schreibt sie an ihrem Roman, an dem sie schon seit sechs Jahren arbeitet.

Casey trifft sich in ihrer Freizeit oft mit anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern oder solchen, die es wie sie werden möchten. Sie lernt Männer kennen, wird auf Dates eingeladen, ist aber vorsichtig, da sie erst vor kurzem verlassen wurde von einem Mann, in den sie sehr verliebt war. Es war eine ungleiche Beziehung, eine, die ihr nicht gut tat. Casey sehnt sich nach Liebe, sieht aber auch, dass Beziehungen sie oftmals in ihrem Schreiben behindern, insbesondere dann, wenn der Mann ebenfalls (angehender) Schriftsteller ist, wenn es um den Erfolg des anderen geht, vor allem, wenn die „natürliche Ordnung“, die diese Männer ganz offenbar voraussetzen, nämlich dass sie selbst in der Beziehung die erfolgreicheren sind, in Gefahr ist.

Casey strauchelt oft, sie ist unsicher, aber sie ist auch stark. King fängt das wunderbar ein, wenn wir Casey in ihrem Alltag folgen. Da sind die vielen kleinen, ungeheuer plastischen und unterhaltsamen Szenen im Restaurant, wo sie eigentlich nur einen Freund hat. Da sind die Abendessen mit Bekannten ihrer Freundin Muriel, die natürlich ebenfalls Schriftstellerin ist und bei der fast nur andere Schriftsteller oder eben Möchtegern-Schriftsteller zu Gast sind. Diese Treffen laufen stets nach dem gleichen Schema ab. Casey kennt den Typ Mensch, den sie dort trifft und weiß ihn zu analysieren, und das nicht nur scharfsichtig, sondern oft mit Humor.

„… ich kann mich nicht mit einem Mann treffen, der in drei Jahren nur elfeinhab Seiten geschrieben hat. So etwas überträgt sich.“ S. 75

Wenn Casey anderen erzählt, dass sie schreibt, fragen diese oft reflexartig nach, ob sie am „großen amerikanischen Roman“ schreibe und merken nicht, dass Casey ihre Frage lahm und nicht originell findet, doch es gehört auch etwas dazu, selbstbewusst dazu zu stehen, dass man Autorin sein möchte. Viele, die in ihren 20ern wie Casey Schriftsteller werden wollten, haben inzwischen aufgegeben, bürgerliche Berufe ergriffen, sie leben Leben, von denen Casey keine Ahnung hat, wie sie immer wieder feststellt.

„Writers & Lovers“ kommt sehr leicht daher, entwickelt schnell einen starken Sog, ist oft humorvoll, doch der Roman ist auch oft sehr nachdenklich und erzählt von einer Frau in einer tiefen Krise, einer jungen Frau voller Ängste. Als ihre Freundin Muriel für ein paar Tage nach Italien fliegen möchte, konstatiert Casey nur „Auf Reisen stirbt sich’s so leicht“ (S. 139), und erwischt die Leserin kalt mit diesen wenigen Worten, die wie aus dem Nichts kommen und die die tiefe Trauer um die Mutter so lakonisch wie nebenbei zum Ausdruck bringen. Und auch das Daten, die Suche nach der Liebe, die einen großen Raum einnimmt im Roman, wird zu keinem Zeitpunkt trivial oder kitschig, sondern gibt kluge Einblicke in das, was Casey sich wünscht und wo sie verletzlich ist, stellt die Frage, wie sie bei aller Sehnsucht nach Partnerschaft trotzdem eine moderne, selbstbewusste Frau sein kann. Auch hier gibt es die kleinen Besonderheiten, die Feststellungen in Bezug auf das Daten in Schriftstellerkreisen.

„Es passiert so schnell, dass man einen Menschen mit seiner Art zu schreiben verwechselt.“ S. 142

Für mich ist Lily Kings neuer Roman „Writers & Lovers“ ein echtes Highlight, ein Roman zum Versinken, zum Mitleiden, Mitfiebern, geschrieben stets in der absolut geglückten Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere. Ein wunderbares Buch.

Lily King: Writers & Lovers, aus dem Englischen von Sabine Roth, C.H. Beck Verlag, 2020, 319 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.