Zerbrochen – Rachel Cusk: Danach. Über Ehe und Trennung

Rachel Cusks unaufgeregte Romane „Outline“, „Transit“ und „Kudos“ zeichnen sich durch die gute Beobachtungsgabe der Autorin aus. Sie entwickeln einen Sog nicht durch eine handlungsreiche Geschichte, sondern durch die klugen Gedanken und das Verhalten der Protagonistin. Cusk lässt stets Leerstellen. Es geht dabei um das Erzählen von Geschichten, um die Frage nach Wahrheit und Fiktion.

In „Danach“, ihrem Memoir „Über Ehe und Trennung“ geht es um die eigenen Erfahrungen der Autorin während und vor allem nach ihrer Ehe. Das Original erschien in Großbritannien 2012, also vor den oben genannten Romanen, die zur „Trilogie einer weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert“ gehören. Die Verlusterfahrung Cusks ist bei der Lektüre in großem Maße spürbar, mit Einzelheiten zum Scheitern der Ehe bleibt sie allerdings zurückhaltend, wobei auch klar sein dürfte, dass es ein Geheimnis bleibt, ob die Stimme, der wir hier zuhören, auch wirklich zu 100 Prozent die der Autorin ist.

Was Cusk erzählt, ist, dass es in der nun gescheiterten Ehe eine Umkehrung der immer noch verbreiteten Rollenverteilung gab. Inwiefern dort die Gründe zur Trennung liegen, erfahren wir nicht.

„Und so tat ich zweierlei: Ich besann mich auf meine alte, männlich geprägte Identität, und verpflichtete meinen Mann, sich um die Kinder zu kümmern. Sollte er doch jenen Zwillingspart der Weiblichkeit übernehmen. Da sie in mir offenbar nicht zur Ruhe kam, sollte er ihr einen Körper und eine Zuflucht bieten. In meiner Vorstellung würden wir zusammenleben wie zwei Mischwesen, ein jeder von uns halb männlich und halb weiblich. Das war Gleichberechtigung, oder? Mein Mann gab seine Stelle als Anwalt auf und ich mein exklusives, primitives Mutterrecht auf die Kinder“ S. 29f

„Danach“ erzählt von alltäglichen Begebenheiten, vom Versuch einer Mutter, ihrer Tochter beizustehen und sie zu beschützen, als diese sich im Freundeskreis ausgeschlossen fühlt. Ein Zahnarztbesuch wird zu einer Art Therapiestunde umgedeutet, in der Küche begegnet sie jeden Abend ihrem Untermieter Rupert, der sich nur von Fertiggerichten ernährt. Einen nicht geringen Teil ihres Memoirs nehmen Gedanken zur griechischen Tragödie ein, die sie mit der eigenen Situation in Verbindung bringt. An diesen Stellen fiel es mir ganz persönlich schwer, dabei zu bleiben, da ich diese Ausflüge als eher trocken und wenig erkenntnisreich empfand und mich die persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen der Autorin weit mehr interessiert haben. Hierzu gehört auch Cusks Blick auf andere Paare.

„Die meisten Ehen haben ein öffentliches Gesicht, einen darstellerischen Aspekt, wie der Körper eine Haut hat. Ein Paar, das in der Öffentlichkeit streitet, ist wie ein blutender Körper.“ S. 68

Die Autorin ist nun kein Teil eines Paars mehr, sie ist jetzt außen vor, sie wird anders wahrgenommen, sie fühlt anders, hat einen anderen Status. Es dauert, sich in der neuen Rolle zurechtzufinden und der Prozess ist sehr schmerzhaft, gerade auch weil Cusk in sich stets die starke Frau und Feministin gesehen hat.

„Ich habe kein Gefühl für die Zukunft mehr. Wenn ich mich mit Freunden treffe, geschieht es im Dienste einer Illusion. Ich tue so, als wäre nichts passiert und als hätte sich nichts geändert, wie das Orchester, das auf der sinkenden Titanic weiterspielt.“ S. 109

Im letzten Kapitel gibt es dann noch einmal so etwas wie eine Spielerei, die Geschichte eines jungen Mädchens, das als Haushaltshilfe arbeitet. Zunächst einmal scheint das gar nichts mit dem Rest des Buches zu tun zu haben, bis Hinweise gestreut werden, dass es sich bei der Familie, in der das Mädchen untergekommen ist, um die Trennungsfamilie handelt, kurz bevor es zum endgültigen Bruch kommt. Immerhin, Cusk selber, so sie es denn ist, kommt dabei nicht besonders gut weg.

Rachel Cusk: Danach. Über Ehe und Trennung, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp Verlag, 2020, 187 Seiten

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