Alte Liebe – Ali Smith: Von gleich zu gleich

Ali Smith gehört zu meinen LieblingsautorInnen, seitdem ich zum ersten Mal einen Roman von ihr gelesen habe. Es war „Beides sein“, im Original 2014, bei uns 2016 erschienen. Smith schert sich nicht um die Erwartungen ihrer Leserinnen und Leser, sie bricht Handlungsstränge ab, lässt Fragen unbeantwortet und bleibt generell gern im Unklaren. Dabei sind ihre Romane trotz ihrer Virtuosität stets klar und gut lesbar, sie schafft greifbare Charaktere und erzählt Geschichten mitten aus dem Leben. Im November wird mit „Winter“ der zweite Band ihres Jahreszeitenquartetts bei uns erscheinen. Der erste Roman des Zyklus, „Herbst“ befasste sich auf überzeugende und doch subtile Weise mit den Auswirkungen des Brexit auf die Briten. Die Wartezeit auf den neuen Roman habe ich mir mit ihrem Debütroman aus dem Jahr 1997 verkürzt, der gerade bei uns im Taschenbuch erschienen ist.

Formal ist der Roman in zwei große Teile gegliedert. Im ersten Teil lernen wir die Engländerin Amy kennen. Sie lebt mit ihrer 7-jährigen Tochter Kate auf einem Campingplatz, wirkt auf ihre Mitmenschen ein bisschen unnahbar und vielleicht auch ein bisschen schrullig, sie hat kaum soziale Kontakte und kann offenbar nicht lesen. Mit kleinen Arbeiten auf dem Campingplatz verdient sie sich etwas Geld. Nach einiger Zeit beschließt sie, mit Kate eine Reise zu machen und besucht zunächst ihre Eltern, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Diese sind wohlhabend und erfolgreich, Amys einfaches Leben will nicht so recht zu diesem familiären Background passen. Kurze Zeit später reisen Amy und Kate weiter nach Italien, wo sie ihre Lesefähigkeit wieder erlangt und klar wird, dass sie sehr gebildet ist. Wieso also lebt sie dieses einfache, abgeschiedene Leben?

Das Ganze hat etwas mit Ash zu tun. Ash ist Schottin und Amys Freundin aus Jugendtagen. Amy und Ash waren verliebt, es war eine prägende Zeit für sie beide – doch Ali Smith erzählt diese vergangene Geschichte alles andere als konventionell. Im zweiten Teil des Romans wechselt die Geschichte zu Ash, und damit auch die Erzählperspektive, denn Ash erzählt aus der Vergangenheit und aus der Ich-Perspektive, in Tagebuchform, während der erste Teil aus personaler Perspektive erzählt wird. Dieser Teil ist ganz anders als der erste, er stellt die starken, quälenden Gefühle, die Ash für Amy empfindet, in den Mittelpunkt und macht sie greifbar. Amy und Ash lernten sich kennen, als Amy die Ferien in Schottland verbrachte. Später folgte Ash, die inzwischen Schauspielerin war, Amy an die Uni. Es war kompliziert zwischen den beiden.

Während der erste Teil, der in der Gegenwart spielt, ruhig und beobachtend erzählt wird, wird es im zweiten Teil emotionaler, unmittelbarer, mit Fokus auf das Innenleben der Figuren. Man sollte nicht erwarten, dass alle Lücken aus dem ersten Teil geschlossen werden, muss sich einlassen auf Smiths Art des Erzählens. Ihr Stil ist einerseits einfach, andererseits nicht ohne Anspruch, sie fesselt und zieht hinein in die Geschichte, in der man sich nach kürzester Zeit angekommen fühlt und die man am Ende nur ungern wieder verlässt.

Ali Smith: Von Gleich zu Gleich, aus dem Englischen von Silvia Morawetz, btb Taschenbuch, 2020, 368 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Alte Liebe – Ali Smith: Von gleich zu gleich

  1. thursdaynext schreibt:

    Oha, da freu ich mich drauf, wenn dieser Roman dann zu mir findet. Dank dir Ali Smith zu schätzen gelernt.

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.