Einbürgerung oder Asyl – Ulrike Ulrich: Während wir feiern

Alexa lebt schon lange in der Schweiz, sie ist Sängerin und in einer glücklichen Beziehung mit dem Arzt Adrian. Jedes Jahr am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, feiert sie eine Dachparty, die gleichzeitig eine nachträgliche Geburtstagsparty ist. So auch dieses Jahr. Alexa ist mit den Vorbereitungen spät dran, es gibt noch einiges zu organisieren. Dieses Mal wird, im Gegensatz zu sonst, auch Adrian mitfeiern. Adrian mag keine Partys und hatte in den letzten Jahren am 1. August Dienst, doch dieses Jahr arbeitet er tagsüber, um abends bei Alexa sein zu können, worüber sie sich freut.

Überraschend trifft sie während der Vorbereitungen Brad wieder, einen Schauspieler, mit dem sie vor einigen Jahren eine Affäre hatte. Die Begegnung macht sie nervös. Was passiert, wenn Adrian davon erfährt? Und hat das Ganze vielleicht doch etwas bedeutet? Wie sieht Brad das? Wird er alles verkomplizieren?

Eine weitere Schwierigkeit tritt auf, als Zoltan, ein guter Freund, sich bei ihr meldet und sie darum bittet, Kamal, einem jungen tunesischen Flüchtling, Unterschlupf zu gewähren. Zoltan hat Kamal geholfen, mit ihm Deutsch gelernt und sich mit ihm angefreundet. Kamal droht die Abschiebung (oder wie es in der Schweiz heißt: Die Ausschaffung), sein Asyl läuft aus. Kamal ist schwul und will nicht zurück, er fürchtet sich vor Repressalien und Verfolgung. In der Schweiz unterstellt man ihm, seine Homosexualität erfunden zu haben, um bleiben zu können. Zoltan hat seine Gründe, warum er Kamal nicht bei sich und seiner Frau unterbringen möchte. Doch auch bei Alexa gibt es dicke Luft, als sie Robert, den pubertierenden Sohn von Adrian, darum bittet, die Mansarde, in der er wohnt, für Kamal zu räumen. Die Beziehung zwischen ihr und Robert ist ohnehin nicht ganz spannungsfrei.

Ulrike Ulrich erzählt in ihrem neuen Roman „Während wir feiern“ zunächst einmal über weite Strecken nicht von der Feier an sich, sondern von Alexas Vorbereitungen, den plötzlich auftauchenden Problemen sowie von Kamal, dessen Tag sich immer schlimmer gestaltet. Dabei ist das Erzähltempo hoch, da die Perspektive häufig zwischen den einzelnen Figuren hin- und herspringt. Oft passiert das mitten in einer Szene, einem Dialog, sodass die Innensicht zweier Figuren direkt nacheinander präsentiert wird und der Leser die Gedanken beider über den jeweils anderen quasi mitliest. Diese Erzählweise macht den Roman abwechslungsreich und lockert ihn auf, macht alle Perspektiven auf das Geschehen sichtbar, auf der anderen Seite wirkt der Roman dadurch ein wenig sprunghaft. Auch erlaubt es diese Erzählweise nicht unbedingt, in die Tiefe zu gehen, obwohl wir LeserInnen sehr nah an den Figuren sind. Die grundlegenden Sorgen der Protagonisten stehen im Zentrum, dennoch bleibt wenig Platz für eine Entwicklung oder eine genauere Betrachtung, weil es stets schnell weiter zur nächsten Figur geht.

Generell verarbeitet Ulrich existenzielle Themen, vor allem die Frage nach Zugehörigkeit, danach, wie und wo wir leben wollen und können bzw. dürfen. Alexa möchte sich in der Schweiz einbürgern lassen und hat die Möglichkeit dazu – auch wenn es sich für sie nicht so anfühlt, als würde sie vollkommen dazu gehören. Sie bleibt eben eine Deutsche. Kamal hat diese Möglichkeit nicht, über ihn entscheiden andere, seine Chancen auf eine Leben in der Schweiz sind gering. Verpflichten unsere Privilegien – die uns zufällig in den Schoß gefallen sind – dazu, anderen zu helfen, die diese Privilegien nicht haben? „Während wir feiern“ stellt Fragen wie diese. Während für Kamal alles auf dem Spiel steht, haben Alexa und ihre Freunde auch andere Sorgen: ihre Beziehungen, berufliche Entscheidungen, Familienplanung.

Insgesamt hat der Roman für mein Empfinden in der ersten Hälfte einige kleinere Längen, vielleicht hätte man die eine oder andere Figur weglassen und sich so später besser auf die verbleibenden konzentrieren können. Doch auch die Entscheidung, viele Figuren immer wieder zu streifen, ist andererseits nachvollziehbar, denn so entsteht nach und nach ein Bild einer (Abend-)Gesellschaft, wie sie vermutlich nicht untypisch ist. Als LeserIn muss man das Angefangene eben selbst weiterdenken, und das ist schließlich immer ein Plus.

Ulrike Ulrich: Während wir feiern, Berlin Verlag, 2020, 272 Seiten

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