Gegen die Regeln – Anna Burns: Milchmann

Für ihren Roman “Milchmann” wurde die nordirische Schriftstellerin Anna Burns 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Es ist ein außergewöhnlicher Roman, die Auszeichnung völlig verdient.

Im Mittelpunkt steht eine 18-jährige junge Frau, die während des gesamten Romans namenslos bleibt. Bis auf sehr wenige Ausnahmen gilt das für alle Figuren in “Milchmann”, nur an zwei Stellen werden überhaupt Namen genannt. Davon abgesehen werden die Figuren gemäß ihrer Beziehung zur Ich-Erzählerin bezeichnet und mit Nummern versehen, das trifft zum Beispiel auf ihre zahlreichen Geschwister zu. So gibt es etwa die älteren Schwestern Eins bis Drei sowie deren Ehemänner Schwager Eins bis Drei, während die jüngeren Schwestern, die wie die Erzählerin noch im Haus der Mutter wohnen (einen Vater gibt es schon lange nicht mehr), als Kleine Schwestern zusammengefasst werden. Wenn nötig, wird weiter unterteilt in Große Kleine Schwester usw. Wo es die direkte Beziehung zur Hauptfigur nicht gibt, werden die Personen durch ihre Berufe bezeichnet oder aber durch andere Charakteristika, wie das „Tablettenmädchen“, das mit Hilfe von Medikamenten andere scheinbar wahllos vergiftet. Oder eben: Milchmann.

„Milchmann“ – da dies als Name zu verstehen ist, oft ohne Artikel gebraucht – ist in Wirklichkeit kein Milchmann (im Gegensatz zum echten Milchmann, der auch auftauchen und folgerichtig als „Echter Milchmann“ bezeichnet werden wird). Er ist vielmehr ein paramilitärischer Anführer, der die Protagonistin stalkt, ohne ihr aber zu nahe zu kommen. Er folgt ihr, spricht sie an, setzt seine Leute auf sie an, er scheint überall zu sein, wo sie sich auch befindet, ihr immer einen Schritt voraus. Er weiß auch von ihrer Beziehung zu „Vielleicht-Freund“, die eigentlich keine echte Beziehung ist, sondern immer in einem diffusen Zwischenstadium bleibt, einem Vielleicht-Stadium eben. Milchmann ist eine subtile Bedrohung, denn er ist der Protagonistin gegenüber immer freundlich, doch sie weiß, dass eine Gefahr von ihm ausgeht. Seine Vorgehen ist äußerst geschickt.

Die junge Frau versucht, sich normal zu verhalten, auf die Annäherungsversuche des Milchmanns nicht zu reagieren, doch in der Gesellschaft, in der sie lebt, ist sie machtlos, machtlos gegen das Gerede und die schnellen Verurteilungen. Es sind die 70er Jahre, eine namenlose Stadt in Nordirland, und hier herrschen viele ungeschriebene Regeln, die man zu befolgen hat. Die Protagonistin erregt sowieso schon Aufmerksamkeit durch ihre Angewohnheit, im Gehen zu lesen, Romane des 19. Jahrhunderts auch noch, solch ein Verhalten können ihre Mitmenschen nicht verstehen. Ihre Weigerung, dies sein zu lassen und sich endlich „normal“ zu verhalten wird als bockig und unvernünftig empfunden. Ja, sie solle sich endlich benehmen, da sie sonst schon bald zu den „Übergeschnappten“ zählen werde, und es geht schnell, dass man abgestempelt und in eine Schublade gesteckt wird.

Die Handlung in „Milchmann“ umfasst wenige Wochen, und genaugenommen passiert ziemlich wenig in diesem Roman. Die Ich-Erzählerin beginnt die Geschichte mit den Annäherungsversuchen des Milchmanns, doch sie schweift oftmals ab und in diesen Abschweifungen lernen wir das Leben und die Umstände von Zeit und Ort – wenn auch wenig konkret – kennen. Manchmal mag der rote Faden, dem die Erzählerin dabei folgt, nicht sichtbar sein, doch auch nach der längsten Abschweifung führt sie uns immer wieder zurück zum Ausgangspunkt, bringt das Begonnene zu Ende. Dabei bleibt Vieles seltsam wenig greifbar. Dazu trägt sicher schon die Entscheidung bei, den ProtagonistInnen keine Namen zu geben, doch die Autorin schafft auch darüber hinaus eine diffuse Stimmung, immer ein wenig bedrohlich und unheilvoll, auf der anderen Seite aber distanziert, so dass man als LeserIn immer ein Stück außen vor bleibt und emotional nicht voll einsteigt in die Geschichte, was aber nicht als Kritikpunkt zu verstehen ist. Denn Anna Burns macht das großartig: „Milchmann“ ist sehr fesselnd, obwohl eigentlich vieles dagegen spricht.

Der Konflikt, in dem sich die Geschichte abspielt, liegt wie ein Schleier über der Geschichte, doch auch hier wird die Erzählerin wenig konkret. Niemals wird ausgesprochen, welchem Glauben bzw. welcher Konfession denn nun die ProtagonistInnen „diesseits der Grenze“ angehören und allgemein ist viel von den nicht näher ausgeführten“politischen Problemen“ die Rede, die so ziemlich an allem schuld sind. Doch so richtig scheint sich die Erzählerin nicht dafür zu interessieren. Ihr Denken kreist – absolut nachvollziehbar – darum, wie sie sich gegenüber dem Milchmann verhalten soll und wie sie den Gerüchten, die in Rekordzeit die Runde machen, begegnen soll, dabei ist sie da völlig machtlos. Selbst ihre Mutter glaubt ihr nicht, als sie ihr versichert, dass sie eben kein Verhältnis mit Milchmann habe. Es ist eine Gesellschaft, die ihre Urteile schnell fällt und davon dann nicht mehr abzubringen ist, und in der eine junge Frau versucht, dennoch ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit diesen Wünschen kann sie nur anecken, den Individualität ist nicht gefragt, wird misstrauisch beäugt und verurteilt. „Milchmann“ lässt sich mit der Weigerung der Konkretisierung dann auch auf andere Zeiten, andere Konflikte mühelos übertragen.

So ist „Milchmann“ ein Roman um die Selbstbehauptung und den Versuch der Emanzipation einer jungen Frau in äußerst patriarchalen Strukturen, in dem Sinne also ein feministisches Buch. Obwohl die Geschichte in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts spielt, fühlt sich die Lektüre manchmal wie die einer Dystopie an. Auch übertreibt es Burns immer wieder in kleinsten Dosen, so dass der Roman bei aller Ernsthaftigkeit eine komische Note bekommt. „Milchmann“ ist ein faszinierender Roman, famos ins Deutsche übertragen von Anna-Nina Kroll.

Weitere Besprechungen bei LiteraturReich, Buch-Haltung und Literaturleuchtet.

Anna Burns: Milchmann, aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll, Klett-Cotta-Verlag, 2020, 452 Seiten

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2 Antworten zu Gegen die Regeln – Anna Burns: Milchmann

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Auf dieses Buch freue ich mich sehr und bin regelrecht hin- und hergerissen zwischen baldigem Lesen und die Vorfreude noch etwas auskosten zu lassen. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Das kenne ich auch … mir geht das grad mit dem neuen Kent Haruf so, auf den ich mich schon sehr freue. Milchmann ist schon auch ein bisschen fordernd und sperrig, aber lohnt sich sehr, finde ich.

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