Neue Wege – Franziska Hauser: Die Glasschwestern

„Die Glasschwestern“ heißen so, weil ihr Vater in der DDR eine Glasbläserei betrieb, die es mit Beginn des Romans schon länger nicht mehr gibt. Dunja und Saphie sind Zwillinge, Ende 30, als plötzlich ihre beiden Männer am gleichen Tag sterben, der eine, Winne, der aber genaugenommen Dunjas Ex-Mann ist, stürzt vom Dach, der andere, Saphies Mann Gilbhart, erleidet auf dem Heimtrainer einen Herzinfarkt. Ein schwerer Schlag für beide, und nachdem die Formalitäten erledigt sind, zieht Dunja mit ihren erwachsenen Kindern Augusta und Jules zu Saphie, die ein Hotel betreibt. Saphie ist kinderlos. Die Frauen haben ein sehr unterschiedliches Leben geführt, und auch mit den Schicksalsschlägen gehen sie unterschiedlich um.

Zunächst einmal scheint alles fast wie gewohnt seinen Gang zu gehen, Saphie ist die Zupackende, die sich nicht aus ihrer Routine bringen lässt, während Dunja strauchelt. Doch nach einiger Zeit wechseln sie die Rollen: Saphies verdrängte Trauer bricht sich Bahn, Dunja übernimmt die Verantwortung im Hotel und verliebt sich in einen Jugendfreund. Dieser ist es auch, der mit einer alten Geschichte im Zusammenhang steht, die nun wieder hochkommt: Es geht um einen Tunnel, der zu DDR-Zeiten in die Freiheit führen sollte und um ein Familiengeheimnis, das auch die etwa zehn Jahre jüngere Schwester von Dunja und Saphie, die erfolgreiche Popsängerin Lenka betrifft. Auch diese kommt ins Hotel, und bei Lenka, so wird deutlich, wird es schnell mal chaotisch oder kompliziert.

Wie auch in der Besprechung im Blog Literaturreich erläutert, hatte ich ebenso meine Probleme mit den Namen der ProtagonistInnen, habe ich einige Zeit gebraucht, um mich an die etwas speziellen Namen zu gewöhnen, die keinem bestimmten Zweck zu dienen scheinen, mich aber von der Geschichte zunächst einmal ablenkten. Auch der extreme Zufall, der die Geschichte überhaupt erst ins Rollen bringt, der zeitgleiche Tod beider Männer der Hauptfiguren, erschien mir so konstruiert, dass es die Lektüre ein wenig schmälerte, auch wenn genau dieser Zufall natürlich bewusst so gewählt und an den Anfang des Romans gesetzt wurde, ja, es den Roman in dieser Form ohne ihn gar nicht gäbe, daher darf man ihm das vielleicht nicht vorwerfen. Dennoch, es gab einige Hindernisse, die am Anfang meiner Lektüre standen, die sich dann aber, all dies einmal hingenommen, gut entwickelte und auch durchaus Freude machte, selbst wenn die Geschichte sich in eine andere Richtung bewegt, als es der Anfang vermuten ließ.

Vor ein paar Monaten habe ich Franziska Hausers letzten Roman „Die Gewitterschwimmerin“ gelesen. Vor allem der Beginn hatte mich sehr in seinen Bann gezogen, die eigenwillige Sprache und die Fähigkeit, in den Roman hineinzuziehen, auch wenn der Effekt etwas nachlies. Ihr neuer Roman hat mich weniger gefesselt, mich als Leserin etwas weiter außen vorgelassen, als ich das beim Vorgänger in Erinnerung habe. Hauser zeigt, dass es Wege gibt, nach einem Schicksalsschlag weiter zu machen, dass man sich neu erfinden kann, – auch wenn das hier vielleicht ein wenig hoch gegriffen scheint. Einige weitere, teils etwas skurrile Nebencharaktere, hauptsächlich Angestellte des Hotels, runden das Bild ab, lockern die Geschichte auf. Obwohl ich also gern Zeit mit Dunja, Saphie und den anderen verbracht habe, fehlt mir aber auch etwas, das Besondere, der Funken vielleicht, oder einfach das Gefühl, verstanden zu haben, was die Autorin eigentlich genau erzählen möchte. Vielleicht hätte der Roman wirklich gewonnen, wenn die Autorin sich auf die Familie selbst konzentriert hätte? Ich weiß es nicht. So gibt es von mir für „Die Glasschwestern“ eine Empfehlung mit Einschränkung. Bookster HRO hat das Buch ebenfalls besprochen.

Franziska Hauser: Die Glasschwestern, Eichborn Verlag, 2020, 430 Seiten

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2 Antworten zu Neue Wege – Franziska Hauser: Die Glasschwestern

  1. Bookster HRO schreibt:

    Franziska Hauser meinte bei ihrer Wohnzimmerlesung, dass die Namen an die alten Bezeichnungen der Monate angelehnt sind. Das soll den dörflichen Charakter unterstreichen. Fand ich ganz schlüssig. LG Stefan

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