Stimmen eines Dorfs – Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten

Judith Zanders Debütroman „Dinge, die wir heute sagten“ aus dem Jahr 2010 wollte ich schon bei Erscheinen lesen. Im Herbst erscheint bei dtv ihr neuer Roman, und diese Ankündigung nahm ich zum Anlass, endlich zu dem älteren Buch zu greifen.

Zunächst scheint es in Zanders Roman unklar, welche Geschichte genau sie uns eigentlich erzählen möchte, wer ihre Hauptfiguren sind, vielmehr ist es ein ganzes Dorf in der ostdeutschen Provinz, das zu Wort kommt und eine ganze Reihe an Figuren, die abwechselnd aus ihrem Leben und dabei auch zum großen Teil aus ihrer Vergangenheit erzählen. Anlass ist der Tod der alten Anna Hanske, deren Tochter Ingrid vor langer Zeit nach Irland ausgewandert ist und nun mit ihrem Mann und dem Sohn Paul zur Beerdigung zurückkehrt. Warum sie damals Ostdeutschland verließ, erfahren wir erst im Laufe des Romans.

Bis dahin sind es viele Stimmen, die Zander erzählen lässt, Romy und Ella zum Beispiel, Teenager, die sich anfreunden, obwohl sie sehr unterschiedlich sind und die mit Ingrids Sohn Paul um die Häuser ziehen. Er erinnert Romy, die großer Beatlesfan ist, sehr an Paul McCartney. Die Beatles und ihre Songtexte ziehen sich durch den kompletten Roman. Auch die Eltern von Romy und Ella kommen zu Wort, der Pfarrer des Orts, eine alte Freundin Annas und noch einige mehr. Sie alle erzählen in einem ganz eigenen, sehr stimmigen Sound. Hier zeigt sich Zanders Talent für Töne und Eigenarten, für Sprache und Slang, denn alle ihre Figuren haben etwas Unverwechselbares an sich.

Die Handlung in der Gegenwart wird dabei sehr häufig durchkreuzt von Erinnerungen an früher, von „alten Geschichten“, die die Figuren erzählen und die nach und nach ein vielstimmiges Panorama ergeben des Orts in der ostdeutschen Provinz vor und nach der Wende. Es ist ein multiperspektisches Erzählen und die langen Abschweifungen in die Vergangenheit lassen die Geschehnisse in der Gegenwart oftmals etwas auf der Stelle treten. Das stört aber nicht, da Zander sehr lebendig schreibt und wir das Dorf durch seine Bewohner gut und in Breite kennenlernen. Wir hören den einzelnen Figuren teils lange zu in ihren Monologen, in ihrem Denken und Einordnen all dem, was ihnen in ihrem Leben geschehen ist.

Dabei kommen nach und nach Geheimnisse und Verstrickungen ans Licht, und mit der Zeit wird das Bild, das sich uns LeserInnen bietet, düsterer, wenn sich mehr und mehr zeigt, wie viel Gewalt und Unterdrückung sich hinter mancher Fassade verbirgt. Nach außen dringt davon wenig, eher ist man geübt darin, wegzuschauen, wenn nötig. Das Dorf scheint nach der Wende wie auf der Strecke geblieben, wie abgehängt und der Frust und die Resignation darüber sind nur zu spürbar.

Judith Zanders Roman zieht beim Lesen mehr und mehr hinein in das vorpommersche Dorf, in dem er spielt – obwohl es gerade anfangs nicht ganz einfach ist, die Personen und ihre Verbindungen untereinander auseinanderzuhalten. Die vielen unterschiedlichen Erzählstimmen, die der Autorin sehr gut gelingen und die exzellente Beobachtungsgabe der Autorin tragen dazu bei, dass die Lektüre zu einem aufschlussreichen Vergnügen wird und man letztlich das Gefühl hat, selbst ein Bewohner des Dorfs zu sein – obwohl man das eher nicht sein möchte. Ein gelungenes Debüt, mit dem die Autorin es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis schaffte. Ich freue mich schon auf ihr neues Buch.

Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten, dtv Taschenbuch Verlag, 2012, 480 Seiten

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