Lebt wohl, Gespenster – Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Ida hat ihre Heimat Sizilien schon vor vielen Jahren verlassen. Sie ist in die Stadt gezogen, hat geheiratet, lebt ein scheinbar zufriedenes, vor allem stabiles Leben in geordneten Bahnen. Warum das für sie so besonders wichtig ist, versteht man im Laufe der Lektüre des Romans von Nadia Terranova nur zu gut: Sie war 13, als ihr Vater verschwand, einfach so, ohne Vorwarnung. Er war depressiv, das Leben mit ihm nicht einfach. Besser wurde es durch sein plötzliches Verschwinden nicht. Ida und ihre Mutter haben nie erfahren, wo der Vater hingegangen ist, ja, sie wissen nicht einmal, ob er noch lebt.

Jetzt kehrt Ida zurück. Ihre Mutter möchte das Haus verkaufen, oder zumindest denkt sie darüber nach. Ida soll die alten Sachen durchschauen, sich um das kaputte Dach kümmern. Das Verhältnis zwischen den beiden ist angespannt und distanziert.

„In dem Moment begriff ich, was eine Mutter wirklich ist: etwas, vor dem es kein Entrinnen gibt. Es heißt, eine Mutter gibt alles und verlangt alles. Und niemand sagt dir, dass sie in Wirklichkeit alles von dir verlangt und dir das gibt, worum du nicht gebeten hast.“

Zwischen Ida und ihrer Mutter ist aber auch Zuneigung, das gemeinsame Schicksal schweißt sie zusammen. Immer deutlicher wird, dass das plötzliche Verschwinden des Vaters prägend war, dass Ida zwar vor ihrer Vergangenheit geflohen sein mag, dass sie das, was geschehen ist, aber – natürlich – mit sich trägt. Dass der Verlust des Vaters und die Ungewissheit um das, was geschehen ist, sich nicht wegwischen lassen. So lässt sich auch zumindest teilweise Idas Ehe erklären. Sie ist von Liebe geprägt, und auch wenn Ida und Pietro Probleme haben, so gibt er ihr doch Halt.

„Wir sind seit zehn Jahren verheiratet, wir kannten uns acht Monate, als ich ihn gebeten habe, heirate mich, nie habe ich etwas gewollt im Leben, es ist das erste Mal, dass ich etwas mit aller Kraft begehre, habe ich zu ihm gesagt. Acht Monate waren fast schon zu viel, ich wusste, was er mir zu bieten hatte: Schutz für mich, Schutz und Hilfe für das, was ich war, mehr wollte ich nicht, doch das für immer.“

„Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand“ ist ein leises Buch, dass sich ganz um Ida, um das Verhältnis zu ihrer Mutter und darum dreht, was der Verlust mit Ida und auch mit ihrer Mutter gemacht hat. Wie das Verschwinden des Vaters sich über alles gelegt hat und Ida letztlich auch dazu gebracht hat, Messina so schnell wie möglich zu verlassen, um ganz neu anzufangen. Funktionieren konnte das wohl nicht. So bleibt die Frage, ob das Aufeinandertreffen der beiden Frauen nach langer Zeit etwas verändern, in Bewegung setzen kann, ob Ida mit dem Geschehenen ihren Frieden machen kann. Nadia Terranova hat einen intensiven und berührenden Roman geschrieben, im Original mit dem prägnanteren, klangvollen und auch hoffnungsvollen Titel „Addio Fantasmi“ (etwa „Lebt wohl, Gespenster“). Der Roman wurde in Italien mit mehreren Preisen ausgezeichnet und für den renommierten Premio Strega nominiert.

Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand, aus dem Italienischen von Esther Hansen, Aufbau Verlag, 2020, 256 Seiten

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