Die schwierige Befreiung aus häuslicher Gewalt – Meena Kandasamy: Schläge

„Es ist lebenswichtig, dass ich mich wie eine Frau benehme, der er vertrauen kann.“ S. 200

Die junge Frau, deren Geschichte hier erzählt wird, kommt nicht aus einer armen Familie, sie ist gebildet, hat studiert, ist Autorin. Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Schichten und das überall, so auch in Indien, wo der Roman spielt. Traditionen sind allerdings sehr wichtig, und auch in der Familie der Protagonistin scheint das Wichtigste zu sein, welches Bild man nach außen abgibt, und vor allem natürlich die Tochter, deren Pflicht es ist, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Dazu gehört sicher nicht, den Ehemann zu verlassen, selbst wenn der seine Frau schlägt – zumindest nicht, bevor man alles, wirklich alles versucht hat. Zeit soll sie ihm geben, insistieren die Eltern immer wieder, dann wird er sich schon ändern, ein Kind müsse sie bekommen, so etwas verändere einen Mann. Sich so verhalten, dass er keinen Grund hat, misstrauisch und aggressiv zu werden. Und dann, wenn das wirklich alles nichts genützt hat, dann ist es okay, zu gehen. Aber nicht vorher.

Am Anfang ist noch alles gut. Die Protagonistin hatte zuvor eine Affäre mit einem Politiker, sie war sehr verliebt und litt sehr unter der Trennung von dem Mann, der sich nie zu ihr bekannte. In dem Universitätsdozenten, den sie dann kennenlernt, sieht sie so etwas wie ein Versprechen für Beständigkeit und Sicherheit. Er ist Kommunist mit strengen Ansichten, ein absoluter Gegner des Bürgertums, seiner jungen Frau scheint er noch etwas beibringen zu können, sie ist wie ein Projekt für ihn. Doch kaum sind sie verheiratet, beginnt er, ihre Freiheit zu beschneiden. Er nimmt ihr nach und nach alle Kontakte zur Außenwelt, bringt sie dazu, ihr Facebookkonto zu löschen, nimmt ihr die Möglichkeit, Aufträge zu erhalten, auf dem Laufenden zu bleiben, Networking zu betreiben, als Autorin lebenswichtig.

Es geht weiter mit Beschimpfungen und Erniedrigungen, mit übertriebener, völlig irrationaler Eifersucht. Die Autorin ist inzwischen eine isolierte Hausfrau, doch sie rettet sich in die Sprache, schreibt Liebesbriefe an imaginäre Liebhaber, die sie danach sofort wieder löscht, bevor ihr Mann sie lesen kann. Nach außen gibt er den liebenden Ehemann, doch sie weiß längst, es wird schlimmer kommen und letztlich schlägt und vergewaltigt er seine Frau regelmäßig.

Meena Kandasamy erzählt in „Schläge“ eine autobiographische Geschichte, was dem Geschehen natürlich ein noch größeres Gewicht verleiht. Es ist aber vor allem die Geschichte einer Befreiung, die Geschichte einer starken Frau, die irgendwann begreift, dass nur sie selbst sich aus dieser gewalttätigen Ehe retten kann. Die Kraft dafür findet sie in der Sprache, in ihren Möglichkeiten als Autorin: Sie distanziert sich vom Geschehen, schaut mit Abstand auf sich, beobachtet sich, als wäre sie eine Romanfigur, befreit sich so aus ihrer Opferrolle. Sie braucht viel Kraft, nicht nur, um ihrem Mann zu entkommen, sondern auch, um all das auszuhalten, was hinterher auf sie zukommt. Die Scham. Die Vorwürfe, die von überall auf sie niederpasseln. Der Drang, sich zu rechtfertigen, ist immens, als sie mit Fragen bombardiert wird. Es ist ein langer und schwieriger Weg.

„Schläge“ ist ein Roman, dem ich viel LeserInnnen wünsche, weil er ein wichtiges Thema behandelt, weil er aufrüttelt und betroffen macht, weil er zeigt, dass man hinsehen statt wegschauen sollte. Und vor allem, weil er so gut geschrieben ist, weil die Autorin ihre Protagonistin (und damit sicher auch sich selbst) so schmerzlich treffend analysiert, weil sie so viele kluge Gedanken in ihm unterbringt, weil sie da hin geht, wo es wehtut. Ein erschütterndes Buch voller Wucht. Bei literaturleuchtet gibt es eine weitere Besprechung.

„Eine Welt, die durch die Dimensionen meiner Sprache entsteht, ist schön, verbirgt aber auch Schmerz. Ich schäme mich für meinen momentanen Körper, bin verlegen und verschlossen deswegen. Meine Narben sind meine Geheimnisse. „ S. 236

Meena Kandasamy: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau, aus dem Englischen von Karen Gerwig, Culturbooks Verlag, März 2020, 264 Seiten

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