Familiäre Spurensuche – Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber

„Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen.“ S. 9

Alexander Osangs Roman „Die Leben der Elena Silber“ beginnt mit diesem starken Satz, und damit dem Tod von Viktor Krasnow, Vater von Jelena, die im Zentrum des Romans steht. Jelena, die später nur noch Elena oder noch kürzer Lena genannt werden wird. Sie ist die Großmutter von Konstantin Stein, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird. Konstantin ist Filmemacher und auf der Suche „nach seinem Thema“, das er Probleme hat zu finden, wie seine Mutter immer wieder anmerkt. Natürlich weiß sie ganz genau, dass das, was ihm vorschwebt, eine Geschichte über einen Mann, der versprach, ein erfolgreicher Tennisspieler zu werden, der dann aber mangels Erfolgs eine andere Richtung einschlug, dass daraus nichts werden wird, die Idee kein Potential hat.

Konstantin beginnt, sich Fragen zu stellen, sich und anderen. Ob sich nun herausstellen wird, dass seine Familiengeschichte sein Thema sein wird, ob ihn das eher von seinen Problemen ablenken soll, so richtig scheint Konstantin das selbst nicht zu wissen. Er ist 43, hat er eine gescheiterte Ehe hinter sich, aus der ein inzwischen pubertierender Sohn hervorgegangen ist, und er hat eine starke Mutter, gegen die er sich behaupten muss. Seinen Vater hat sie vor kurzem in einem Altersheim untergebracht. Er hat Alzheimer und sie meint, dass es zu Hause einfach nicht mehr ging. Konstantin ist mit sich im Unreinen, er besucht eine Therapeutin, die ihm hilft, die Dinge anders zu sehen, er scheint noch immer nicht wirklich „angekommen“ zu sein, was immer das bedeuten mag.

In „Die Leben der Elena Silber“ erzählt Alexander Osang abwechselnd aus Konstantins Leben im Jahr 2017, sowie chronologisch vom Leben seiner Großmutter Elena, beginnend im Jahr 1905 mit dem schon erwähnten Tod von Elenas Vater. Die Kapitel, die sich mit Konstantin beschäftigen, erzählen viel von seinem kranken Vater, davon, wie langsam sein Gedächtnis schwindet, er manchmal wirklich „da“ ist, manchmal alles durcheinander bringt und es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette schafft. Gerade in diesen Passagen zeigt sich die genaue, auch behutsame Beobachtungsgabe Osangs sowie sein Talent dafür, die diffusen Gefühle Konstantins, der mit der Krankheit seines Vaters überfordert ist, in Worte zu fassen.

Außerdem befragt Konstantin seine Tanten und andere Verwandte zur Vergangenheit der Familie, zur Großmutter vor allem. Diese hatte fünf Töchter, von denen eine bereits als Kleinkind starb, eine in den 80er Jahren, die übrigen drei, neben Konstantins Mutter Maria noch Vera und Katarina, führen sehr unterschiedliche Leben und wurden auch von Elena bereits als Kinder und bis zu ihrem Tod in den 90er Jahren, unterschiedlich behandelt.

Die Passagen, in denen das Leben Elenas erzählt wird, zeigen eine Frau, die immer wieder flüchten musste, die mehrfach, beginnend mit ihrem Vater, geliebte Menschen verlor und schließlich beschloss, sie könne sich wohl nur auf sich selbst verlassen. Sie heiratete den deutschen Ingenieur Robert Silber und ging mit ihm nach Berlin, doch nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand er. Osang gelingt es gut, seine beiden Erzählstränge miteinander zu verweben, so nehmen sie manchmal direkt aufeinander Bezug, auch wenn viele Jahre zwischen dem Erzählten liegen. Elena bleibt, obwohl wir LeserInnen sie durch ihr Leben begleiten, so schwer greifbar, wie sie es auch für Konstantin ist. Sie selbst kann er nicht mehr fragen, seine eigenen Erinnerungen an sie umfassen einen eher kurzen Zeitraum und sind die eines Kindes bzw. Jugendlichen, dem die Fragen, die ihn heute beschäftigen, damals noch gar nicht in den Sinn kamen.

So regt Osangs Roman auch dazu an, in die eigene Familie zu schauen. Wie viel weiß man schon von seinen Großeltern und Urgroßeltern, und das angesichts der Tatsache, dass sie in einem so ereignisreichen Jahrhundert gelebt haben, dem 20. Jahrhundert? Osangs Roman ist eine gut erzählte Familiengeschichte im Gleichgewicht zwischen dem Damals und dem Jetzt um überzeugend gezeichnete Figuren, mit denen man gern ein paar Tage Lesezeit verbringt. Der Roman war 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Taschenbuch ist für Dezember 2020 angekündigt.

Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber, S. Fischer Verlag, 2019, 624 Seiten

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