Aus dem Leben mit einer Depression – Benjamin Maack: Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

„Ich wünschte, ich hätte ein richtiges Problem. Aber irgendwie habe ich ein falsches.“ S. 54

Benjamin Maack leidet unter Depressionen. Es ist nicht das erste Mal, dass er in eine Klinik geht. Er weist sich selbst ein, als er bemerkt, dass er es allein nicht schafft. In der letzten Zeit, bevor er den Schritt macht, schläft er im Wohnzimmer. Er hat das Gefühl, sich nicht mehr um seine Familie kümmern zu können und leidet darunter. Nichts geht mehr, arbeiten, Freunde treffen, seinen Söhnen ein guter Vater, seiner Frau ein guter Mann sein.

Dazu kommt das Gefühl, ein Hochstapler zu sein. Schließlich schafft er es noch, zu lesen, und wer Bücher liest, kann ja nicht ernsthaft krank sein, oder? Gucken die Pfleger nicht schon komisch? Hat er überhaupt ein echtes Problem?

„Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ ist ein schonungsloses Buch. Maack hat in der Psychiatrie Notizen gemacht, in der Hoffnung, dass das, was einmal auf dem Papier steht, nicht mehr in seinem Kopf ist. Funktioniert hat das nicht. Sowieso ist das hier keine Geschichte, die mit einem guten Ende abschließt, dass macht er uns LeserInnen früh klar. Und Maack wendet sich direkt an uns und fordert uns auf, uns bei ihm zu melden, wenn wir etwas gefunden haben, das gegen die Depression hilft.

Irgendwie wiederstrebt es mir, Maacks Buch zu lesen und zu bewerten, wie man das mit Romanen macht. Mit Büchern, die weniger nah dran sind an ihrem Verfasser, an seiner Person, auch an seinem Leid. In denen sich niemand so sehr entblößt, wie Maack es tut. Ihm ist das bewusst: Er wird jetzt immer derjenige sein, der Depressionen hat. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er uns so tief hineinblicken lässt in seine Krankheit, dass er deutlich macht, dass es genau das ist: eine Krankheit, der mit ein paar gut gemeinten Ratschlägen nicht beizukommen ist. Man kann das nicht oft genug sagen, immer noch, obwohl sich die Lage in der Hinsicht schon gebessert hat, Depressionen nicht mehr totgeschwiegen werden.

Glücklicherweise ist Maacks Buch auch literarisch sehr gelungen, so dass ich gar nicht in die Bredouille komme, differenzieren zu müssen zwischen der Ernsthaftigkeit der schweren Krankheit und der Art und Weise, wie der Verfasser sie vermittelt. Maack findet immer wieder überzeugende Bilder, seine Depression zeigt sich in Teilen auch im Schriftbild. Er macht das Dilemma deutlich, in dem er steckt: dass er eigentlich weiß, dass seine teils selbstzerstörerischen Gedanken Symptom der Depression sind, dass er sich aber dennoch kaum gegen sie wehren kann, sie für wahr hält. Schließlich ist die Krankheit hinterlistig: Steckt man mittendrin, kann man sich nicht vorstellen, jemals herauszukommen. Ist die depressive Phase vorbei, weiß man nicht mehr, wie es angefühlt hat, krank zu sein. Maacks Einblicke sind differenziert, sehr subjektiv, teils auch anrührend. Und an anderer Stelle gibt es durchaus Hoffnung, wenn das Buch immer wieder von feinem Humor durchzogen ist.

Benjamin Maack schreibt in seinem Buch auch über Selbstmordphantasien. Er schreibt über Medikamente und Nebenwirkungen, über seine Frau und seine Kinder, das Gefühl, ihnen vor allem eine Last zu sein. Die Depression ist allumfassend. „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ ist ein sehr persönliches Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Benjamin Maack: Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein, Suhrkamp Verlag, 2020, 333 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Autobiographisches abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.