Kreuzberger Nacht – Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Es sind diejenigen, an denen man eher vorbei sieht, oder die, die man kurz wahrnimmt, bei denen man sich auch mal fragt, wie ihr Leben wohl aussieht, vielleicht sogar darüber nachdenkt, ob sie sich das alles so vorgestellt haben, wie es gekommen ist. Die, die mit dem eigenen Leben wenige, vielleicht auch keine Berührungspunkte haben. Und die dennoch dafür sorgen, dass der Laden läuft, in ganz verschiedenen Bereichen.

Sie sind es, denen Thorsten Nagelschmidt seinen neuen Roman „Arbeit“ gewidmet hat: Menschen, die nachts arbeiten, nachts in Kreuzberg. Polizisten und Sanitäter, die von den Porträtierten wahrscheinlich noch die sichtbarsten sind, ein Türsteher, einer, der nachts im Hostel arbeitet, eine Frau, die tagsüber in einem Antiquariat steht und nachts Flaschen sammelt, eine Kolumbianerin, die Essen ausliefert, ein Drogendealer und eine Frau, deren Späti schon zum zweiten Mal in diesem Jahr überfallen wurde. Und das Jahr ist noch jung, es ist der Tag der Tagundnachtgleiche im März, der Frühling schon in den Startlöchern.

Verbindendes Glied der einzelnen Episoden in „Arbeit“ ist der Taxifahrer Bederitzky, dessen Schicht um 18 Uhr beginnt, es ist Freitagabend. Heute will er früher Feierabend machen, weil er eine Überraschung für seine Freundin hat. Ein lukratives Angebot kommt ihm dazwischen, vielleicht wird er doch länger arbeiten. Auf Bederitzky kommen wir immer wieder zurück, während wir andere nur kurz begleiten und dann wieder aus den Augen verlieren – aber nicht ganz, denn irgendwo gehen sie dann doch wieder durchs Bild, erscheinen, aus anderer Perspektive.

Den Film, den man daraus machen könnte, sieht man quasi schon vor sich, so eindrücklich sind die Szenen, die Nagelschmidt schafft, so differenziert seine Charaktere und so schnell und authentisch seine Dialoge. Das, was so locker-leicht wirkt, so wie nebenbei erzählt, ist das Ergebnis genauester Beobachtung und vieler Gespräche ist, die der Autor geführt hat, Nächte, in denen er undercover Schichten im Hostel oder als Türsteher geschoben hat. Jede Figur hat bei ihm ihren eigenen Sound und Background, ihre Geschichte, die auf wenigen Seiten lebendig wird. Es sind allesamt Charaktere irgendwo zwischen geplatzten Träumen und Zynismus auf der einen, Überlebenswillen und Pragmatismus auf der anderen Seite. Glücklich ist kaum einer der Protagonisten, manche Episoden sind frustrierend, andere herzzerreißend, alle Figuren sind in irgendeiner Form Stehaufmännchen.

„Arbeit“ spielt innerhalb einer Nacht in einem zumeist sehr begrenzten Umfeld, rund um die Schlesische Straße in Kreuzberg. Es hat natürlich seinen eigenen Charme, wenn man die Orte kennt und sich so noch genauer vorstellen kann, nötig ist das aber nicht, um hier auf seine Kosten zu kommen. Wie sich alles zusammenfügt, Figuren, die wir eigentlich schon verlassen hatten, später dann doch wieder auftauchen, wie es Nadelschmidt schafft, in kürzester Zeit hineinzuziehen in die einzelnen Episoden, das ist sehr kunstvoll, wirkt aber äußerst leicht. Eine wunderbare Hommage an diejenigen, die man oft nicht wahrnimmt, ein höchst unterhaltsamer Ritt durch eine Kreuzberger Nacht.

Bookster HRO hat sich dem Roman auf etwas andere Weise angenähert.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit, S. Fischer Verlag, 2020, 336 Seiten

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