Entwurzelt – Regula Portillo: Andersland

Matildas Eltern waren nur kurz zusammen: Ihre Mutter Lucía ist Mexikanerin, Vater Pascal Schweizer. Die beiden lernen sich in Mexiko kennen, verlieben sich, doch für die Beziehung gibt es keine Zukunft. Da Lucía kein Kind möchte, nimmt Pascal Matilda mit in die Schweiz und zieht sie alleine groß. Eine enge Bindung hat Matilda auch zu Pascals Bruder Tobias und dessen Lebensgefährten Michael.

Als Matilda ungefähr acht Jahre alt ist, stirbt Pascal völlig überraschend an einem Herzinfarkt. Es sind die 80er Jahre, und Tobias darf Matilda wegen seiner Homosexualität nicht bei sich aufnehmen, obwohl er das gern möchte. Außerdem erfährt Lucía von Pascals Tod und reist in die Schweiz, um Matilda zu sich nach Mexiko zu holen. Sie hat inzwischen geheiratet und einen kleinen Sohn, Daniel, Matildas Halbbruder. Sie bereut, dass sie Matilda damals weggegeben hat.

Regula Portillo erzählt in „Andersland“ von Matildas Leben, das ein unstetes ist, denn sie wird in sehr jungen Jahren entwurzelt und hat keinen Kontakt mehr zu ihrem alten Leben in der Schweiz. Sie wird ihre eigenen Wege finden, um mit ihrer Heimatlosigkeit umzugehen bzw. die Frage nach Zugehörigkeit zu beantworten, die in ihrem Leben im Mittelpunkt steht. Zunächst einmal bedeutet das allerdings, dass sie viel verdrängt.

Leider hat der Roman, der sich meiner Meinung nach interessanten Themen widmet, einige Schwächen. Das beginnt bei den Dialogen, die ich oft als gestelzt und unecht empfunden habe. Zuweilen bringt die Autorin hier Informationen unter, die ziemlich auffällig an den Leser gerichtet sind, da die Figuren ganz eindeutig bereits um sie wissen. Manchmal bringen sie aus heiterem Himmel Lebensweisheiten an, die ich als fehl am Platz empfand und die sich nicht organisch einfügen. Gern verwendet die Autorin bei der Wörtlichen Rede „lacht sie / er“ statt „sagt, antwortet, fragt“, eine Wendung, die zumindest Geschmackssache ist (mir gefällt sie gar nicht – man kann einen Satz genau genommen nicht „lachen“), gefühlt liest man das auf jeder zweiten Seite. Generell ist der Roman in einfacher Sprache geschrieben und liest sich schnell, was erst einmal nichts Schlechtes ist. Immer wieder gibt es größere Zeitsprünge, die aber auch verhindern, dass die Geschichte mehr Tiefe bekommen kann, da die Geschehnisse ein wenig wie „abgehandelt“ wirken. Vom Leser / der Leserin bleibt so nicht viel selbst zu entdecken.

Dazu scheint auch nicht so recht passen, dass das Leben Matildas ein sehr dramatisches ist, in dem Sinne, dass ihr in ihrem jungen Leben viel Schlimmes passiert, wobei die Handlung recht vorhersehbar ist. Wer dabei Einblicke in das Leben in Mexiko erwartet, wird enttäuscht, Matilda könnte im Prinzip an jedem anderen Ort weit weg von der Schweiz leben, die Geschichte spielt sich hauptsächlich innerhalb der Familie ab.

Portillo erzählt auch von Tobias und Michael in der Schweiz, die Matilda sehr vermissen, nachdem sie nach Mexiko gegangen ist und deren Beziehung darüber einiges aushalten muss. Sie engagieren sich für die Rechte von Homosexuellen und halten die Erinnerung an Matilda wach, immer in der Hoffnung, sie irgendwann wieder zu sehen. Diese Passagen habe ich am stärksten empfunden.

Trotz meiner Kritik an „Andersland“ habe ich den Roman zu Ende gelesen, da ich auf ein gutes Ende für Matilda hoffte und teils sogar gerührt war, auch wenn Überraschungen ausgeblieben sind. Insgesamt hat mich der Roman aber leider enttäuscht.

Regula Portillo: Andersland, edition bücherlese, 2020, 272 Seiten

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