Spurensuche im Südatlantik– Yorck Kronenberg: Mondariz

Eine kleine, dünn besiedelte Vulkaninsel irgendwo im südlichen Atlantik . Hier geht ein junger deutscher Musikwissenschaftler von Bord, um über das Werk des Komponisten José Diego Coimbra zu forschen. Dieser hat im 19. Jahrhundert auf Mondariz gelebt und Kompositionen hinterlassen, die Fragen aufwerfen und an denen der Komponist arbeiten möchte.

Gleichzeitig ist die Reise des Mannes ein Wiedersehen mit Menschen, die er auf einer ersten Reise auf die Insel ungefähr zehn Jahre zuvor bereits getroffen hat. Damals war er mit seiner Freundin dort, es war eine glückliche Zeit. Die Beziehung ist nun zerbrochen, die Trennung noch nicht allzu lang her, der Protagonist leidet darunter. Seine Reise ist somit auch immer von den Erinnerungen an seine verlorene Liebe geprägt und an eine Zeit in seinem Leben, die gänzlich anders war, als es jetzt der Fall ist.

Der Pianist, Komponist und Schriftsteller Yorck Kronenberg lässt den jungen Musikwissenschaftler die Geschichte selbst aus der Ich-Perspektive erzählen. Mit ihm schlendern wir LeserInnen durch das Dorf, begegnen den Menschen dort, dem Wirt, Pastor und Polizisten, der jungen Penelope und dem Pianisten Antonio, der Coimbras Werk bei einem Konzert spielen wird, und noch einigen anderen mehr. Die Insel ist nur noch recht dünn besiedelt, nachdem das Dorf vor einigen Jahren nach der Warnung vor einem Vulkanausbruch evakuiert wurde.

Langsam verliert der Protagonist ein wenig seine eigentliche Motivation aus den Augen. Immer deutlicher wird, dass die Reise von vornherein zwei Gründe hatte, dass es ihn auch deshalb zurück nach Mondariz zieht, weil er dort der vergangenen Zeit mit seiner ehemaligen Freundin nachspüren kann. Er begegnet immer wieder auch Menschen, die sich an sie erinnern, die ihm erzählen, wie sie beide damals auf sie gewirkt haben.

Doch „Mondariz“ ist viel mehr als das. Kronenberg schafft durch seinen zurückgenommenen Stil und seine starken Bilder beim Lesen eine eindrückliche Wirkung und eine Vorstellung von diesem Ort, rückt immer wieder die Natur in den Vordergrund. Auf der anderen Seite treiben wir mit dem Protagonisten über die Insel, wenn er die einzelnen Bewohner näher kennen lernt, worüber seine geplante Forschung mehr und mehr in den Hintergrund gerät. Diese Begegnungen lösen einiges in ihm aus, wecken neue Sehnsüchte und Ziele, helfen im Verarbeitungsprozess der Trennung von seiner Lebensgefährtin. All dies bleibt stets ein wenig in der Schwebe, etwas diffus. Auf „Mondariz“ muss man sich sicher einlassen, auf eine Geschichte, die zwar auch spannende Ereignisse bereithält und konkrete Rätsel aufgibt, im Großen und Ganzen aber eher dahin fließt, was in jedem Fall positiv gemeint ist.

So ist es auch passend, dass Recherchen nach dem wirklichen José Diego Coimbra und der Insel Mondariz im südlichen Atlantik erfolglos bleiben bzw. immer zurückführen zu Yorck Kronenberg selbst. Auf der Buchseite des Dörlemann Verlags zum Roman sind einige Videos zu finden, die den Autor zeigen, wie er Werke des Komponisten auf dem Klavier spielt, auch ein lohnenswertes Interview zum Roman kann man sich dort anschauen. Man muss genau hinhören, um zu bemerken, dass die Frage nach dem Komponisten bzw. seiner tatsächlichen Existenz nicht eindeutig beantwortet wird.

Es bleiben also einige Fragen offen. „Mondariz“ ist ein im besten Sinne eigensinniger, sehr atmosphärischer Roman, der einen mit sich zieht, hinein in die Gedanken- und Gefühlswelt seines Protagonisten. Und gleichzeitig hinein in den Kosmos dieser fernen, teils surreal, teils sehr echt wirkenden Insel, auf der die Menschen die gleichen Sorgen und Probleme haben wie überall auf der Welt. Eine lohnende Lektüre, die Lust auf weitere Werke des Autors macht.

Yorck Kronenberg: Mondariz, Dörlemann Verlag, 2020, 288 Seiten

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2 Antworten zu Spurensuche im Südatlantik– Yorck Kronenberg: Mondariz

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Du machst mich richtig neugierig auf dieses Buch. Vielen Dank und viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Ich würde mich freuen, wenn der Roman ein Publikum fände, obwohl er ein bisschen speziell ist. Viele Grüße!

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