Der Abgrund in uns – Simone Lappert: Der Sprung

Eine Frau steht auf einem Dach. Sie wirft Ziegel und andere Gegenstände hinunter, scheint wütend. Will sie springen? Immer mehr Menschen kommen zusammen, sie machen Fotos und Videos, einige rufen ihr zu, sie solle doch endlich springen, beschimpfen sie. Im nahegelegenen Tante-Emma-Laden kaufen die Schaulustigen sich Snacks, die Betreiber des Ladens haben schon lange nicht mehr so viel Umsatz gemacht.

In Simone Lapperts „Der Sprung“ geht es weniger um die Frau auf dem Dach, sondern vor allem um eine Reihe Personen aus ihrem Umfeld. Menschen, die mit ihr zu tun haben, die sie gut oder nur flüchtig kennen. Ihnen werden einzelne Kapitel gewidmet, beginnend an dem Tag, bevor die Frau auf das Dach steigt bis zu dem Tag danach. Dabei kristallisiert sich mal schneller, mal langsamer heraus, wie sie nicht nur zu ihr, sondern auch zueinander in Beziehung stehen.

So treffen wir zum Beispiel auf den Polizisten Felix, der versuchen wird, die Frau davon zu überzeugen, vom Dach zu steigen, wir lesen von ihrer Schwester und dem schwierigen Verhältnis zueinander. Von ihrem Freund, mit dem sie noch nicht lange zusammen ist und für den sie ein großes, faszinierendes Rätsel ist. Von Nachbarn und von Menschen, die zufällig vorbeikommen, sogar von Menschen, die alles andere als in der Nähe sind.

Lappert schafft es jeweils relativ schnell, in die Kapitel hineinzuziehen und die LeserInnen für die einzelnen Figuren zu interessieren. Gerade durch den häufigen Wechsel liest sich der Roman schnell und abwechslungsreich. Nicht alle Figuren sind dabei gleichermaßen überzeugend, und vielleicht hätte dem Roman die eine oder andere Figur weniger gut getan. So hätte man bei den verbleibenden noch etwas mehr in die Tiefe gehen können.

Der Sprung bzw. die Möglichkeit, dass sich vielleicht vor aller Augen ein Suizid abspielen könnte, weckt bei einigen Sensationsgier und zeigt somit nicht die besten menschlichen Eigenschaften. Bei einigen Protagonisten löst das Geschehen aber auch etwas aus, ein Impuls, das eigene Leben, Wünsche zu überdenken. Teilweise hat es auch eher zufällige Folgen, wird etwas Unerwartetes angestoßen. Die Frau auf dem Dach löst etwas aus, sie ist die personifizierte Frage danach, was eigentlich normal ist, sie erinnert die Schaulustigen an ihre eigenen Abgründe.

Lappert schreibt in schnörkelloser, treffender und präziser Sprache, es gibt auch überzeugende poetische Passagen. Der häufige Szenenwechsel macht den Roman abwechslungsreich und spannend. So habe ich ihn gern gelesen, wenn ich auch ein paar kleinere Kritikpunkte an ihm habe. Die Idee, einzelne Figuren im Umfeld eines Menschen auftreten zu lassen, der eigentlich im Mittelpunkt steht, ist natürlich nicht neu. Vor kurzem erst habe ich mit Peter Zantinghs „Nach Mattias“ einen Roman mit einem ähnlichen Aufbau gelesen: Im Unterschied zu „Der Sprung“ ging es dort aber eher um die Charakterisierung der Hauptfigur, die zwar im Mittelpunkt steht, aber nicht mehr da, die gestorben ist. In „Der Sprung“ geht es um die anderen, die sich um die Frau auf dem Dach scharen, um das, was sie auslöst. Sie selbst bleibt im Hintergrund, eigentlich sogar schemenhaft. Im Vergleich schneidet „Nach Mattias“ in meinem Urteil etwas besser ab, da ich die Figuren bei Zantingh insgesamt überzeugender empfand und der Roman in meinem Empfinden mehr Tiefe besitzt. Dennoch, Lappert zeigt, dass sie eine gute Beobachtungsgabe hat und ein Talent, Geschichten zu erzählen.

Simone Lappert: Der Sprung, Diogenes Verlag, 2019, 336 Seiten

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Eine Antwort zu Der Abgrund in uns – Simone Lappert: Der Sprung

  1. Bri schreibt:

    Interessant, mir ging es genau anders herum mit den beiden Büchern. Und für mich hat Simone Lappert eher Kaleidoskop mit Momentaufnahmen geschaffen, in das ich da reingesprungen bin. Was die charakterisierung einer Person durch andere angeht: Die Geheimnisse der Kücher des mittleren Westen von Stradal hat das vor ein paar Jahren schon sehr gut gemacht, bei Zantingh fand ich einiges ein wenig sehr konstruiert. Aber das ist meinerseits alles Meckern auf hohem Niveau. LG, Bri

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