Verluste – Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten

Über 17000 Menschen gelten im Libanon als vermisst. Sie verschwanden im Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 andauerte, und ihr Schicksal ist bis heute nicht geklärt. Pierre Jarawan macht diese Verschwundenen zum Zentrum seines neuen Romans „Ein Lied für die Vermissten“, und er erzählt dabei eine sehr persönliche Geschichte um Freundschaft, Flucht, Liebe, um fatale Fehler, um Ängste und die Liebe zur Heimat und zur Stadt Beirut.

Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Zu Beginn schreiben wir das Jahr 2006, Ich-Erzähler Amin befindet sich in seinem Haus in Beirut und erhält die Nachricht, dass Yara, seine Großmutter, gestorben ist. Von hier aus erinnert er sich an seine Vergangenheit.

Nach dem Tod seiner Eltern im Jahr 1982 geht Amins Großmutter mit ihm nach Deutschland, er ist noch ein Kleinkind. Zwölf Jahre später, Amin ist inzwischen ein Teenager, kehren beide zurück nach Beirut. Amin fühlt sich zunächst wie ein Fremder und hat Probleme, sich einzuleben. Das ändert sich, als er Jafar kennenlernt, einen Mitschüler. Sie werden Freunde und erleben zusammen viel Aufregendes, auch durch Jafars Mut und Aufmüpfigkeit. Bis sich Jafar irgendwann von Amin distanziert, ohne dass dieser wüsste, warum. Er wird sich lange fragen, was Jafar und ihn auseinander gebracht hat.

Auch sonst geschieht Einiges, das Amin nicht recht versteht. Menschen verschwinden über Nacht und kehren irgendwann einfach so zurück – oder nicht. Amins Großmutter Yara wird gezwungen, ihr Café zu schließen. Dort stellt sie eigene Bilder aus und trifft sich mit einer Gruppe von Menschen, die alle Angehörige im Bürgerkrieg verloren haben. Amin lernt Abbas kennen, einen Freund Yaras, der immer ein Auge auf Amin zu haben scheint und sich um ihn kümmert. Auch Yara distanziert sich irgendwann von Amin, ohne dass er versteht, warum. Über allem schwebt der Verlust seiner Eltern, an die Amin sich nicht erinnern kann. War ihr Tod wirklich ein Autounfall?

Pierre Jarawan springt in „Ein Lied für die Vermissten“ zeitlich oftmals vor und zurück, wobei ein Schwerpunkt auf der Zeit Mitte der 90er Jahre liegt, als er mit Yara nach Beirut zurückkehrt. Im Jahr 2011 versucht sein Protagonist Amin, die vielen Leerstellen, die geblieben sind, zu füllen. Viel weiter liegen die Passagen zurück, in denen es etwa um die Zeit vor bzw. kurz nach Amins Geburt geht. Das erzeugt natürlich Spannung, ich habe das viele Hin und Her aber zuweilen auch als unruhig empfunden. Zudem bricht die Erzählung sehr oft jäh ab und Jarawan macht sehr häufig Andeutungen, die aber lange nicht aufgelöst werden, sondern denen weitere Andeutungen folgen, was ich auf die Dauer als ein wenig ermüdend empfand.

Jarawans Sprache ist, wie auch schon in seinem Erstling „Am Ende bleiben die Zedern“ sehr bildreich und metaphorisch, sehr ausladend auch, wenn er einen Gedanken von mehreren Seiten aus betrachtet. Das ist sicher Geschmackssache, angelehnt an eine orientalische Erzählweise, mir war es oftmals ein wenig zu blumig und mit Bedeutung aufgeladen.

Dennoch hat mir „Ein Lied für die Vermissten“ im Großen und Ganzen gut gefallen. Jarawan führt seine LeserInnen mitten hinein in diese Welt, schafft sehr liebenswerte Charaktere, mit denen man mitfiebert und –leidet, erzeugt Spannung und lehrt uns viel über den Libanon und den Bürgerkrieg. Er erzählt eine berührende Geschichte, die zugleich Coming-of-Age-Geschichte, Familien- und Kriegsgeschichte ist. Er erzählt von Freundschaft, Liebe und vor allem über den Verlust von geliebten Menschen. Und von der Liebe zu einer Stadt, die einst als „Paris des Ostens“ galt, als internationales Finanzzentrum, und als eine Stadt der kulturellen und religiösen Vielfältigkeit, bevor der Bürgerkrieg sie zerstörte.

Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten, Berlin Verlag, 2020, 464 Seiten

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