Reise in mehrere Richtungen – Friedemann Karig: Dschungel

Felix ist verschwunden. Seit ein paar Monaten ist er in Kambodscha unterwegs. Nun gibt es seit ca. zwei Wochen kein Lebenszeichen mehr von ihm, weder bei seinem Freund, dem Erzähler des Romans, noch bei seiner Mutter hat er sich gemeldet. Diese ist es auch, die den Freund nun auffordert, Felix zu suchen, wobei es sich dabei auch ein Stück weit um emotionale Erpressung handelt. So kann der Freund nicht anders, obwohl ihm eigentlich überhaupt nicht danach ist, und er auch nicht der Typ dafür ist, allein so weit weg und ins Ungewisse zu reisen. Zurück lässt er seine Freundin Lea, die vergeblich versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie ist nicht nur deshalb dagegen, weil sie ihren Freund vermissen wird, sondern auch, weil sie Felix schon gut kennengelernt hat und glaubt, dass er manipulativ ist und ihrem Freund eigentlich nicht guttut.

In abwechselnden Kapiteln erfahren wir einerseits, was der Ich-Erzähler auf seiner Reise in Kambodscha erlebt und lesen andererseits von der Freundschaft der beiden, die in ihrer Kindheit angefangen hat. Schon immer war es eine ungleiche Freundschaft, auch Phasen der Funkstille hat es gegeben, doch letztlich hat die Freundschaft bis heute gehalten. In Kambodscha reist der Erzähler zunächst in das Hostel, aus dem Felix sein letztes Lebenszeichen gegeben hat und versucht dann mit Hilfe der Menschen dort herauszufinden, wo es den Freund hin verschlagen hat. So begegnet er Leuten, denen er sonst wahrscheinlich nie begegnet wäre und muss wiederholt über seinen Schatten springen.

„Dschungel“ von Friedemann Karig ist eine Reise in den Dschungel Kambodschas einerseits, und wenn man so will, in den Dschungel der Kindheit und Jugend andererseits. Die Reise geht also in zwei Richtungen, immer auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die der Erzähler sich im Zusammenhang mit Felix, aber auch dem eigenen Leben stellt. Die beiden haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie leben wollen. Felix träumt von einer Art Aussteigerleben, für das der Ich-Erzähler eigentlich nicht gemacht ist.

Karig gelingt es gut, die Hitze und die Atmosphäre, in der sich die Backpacker in Kambodscha befinden, zum Ausdruck zu bringen. Es sind junge Leute aus aller Welt, die von einem einfachen Leben träumen, mit Drogen experimentieren und möglichst nicht an Morgen denken wollen. Menschen, die es sich aber auf der anderen Seite leisten können, um die halbe Welt zu fliegen und dabei genau genommen selbst zu einem Teil des Klimaproblems werden, das sie doch eigentlich bekämpfen bzw. eher noch hinter sich lassen wollen.

Auch die Freundschaft zwischen den beiden Freunden schildert der Autor auf packende Weise. Er arbeitet viel mit Cliffhängern an den Enden der jeweiligen Kapitel, reizt das vielleicht ein bisschen zu sehr aus, ich habe es aber nicht als unangenehm empfunden, da die jeweiligen Situationen doch meist recht schnell aufgelöst wurden und die Geschichte stets schnell weiter erzählt wurde.

Mag sein, dass der Ich-Erzähler sich ab und zu ein bisschen zu sehr in seinen Betrachtungen verliert, dass er zuweilen am Kitsch vorbeischrammt. Mich hat das alles nicht gestört, da „Dschungel“ mich gepackt und unterhalten hat, mich entführt hat in eine andere Welt, in einer Zeit, in der man nur gedanklich verreisen kann und mich hineingezogen hat in ein ungesundes Beziehungsgeflecht. So ist „Dschungel“ ein durchaus überzeugendes Debüt, ein Roman über Freundschaft, Beziehungen und über das Erwachsenwerden.

Friedemann Karig: Dschungel, Ullstein Verlag, 2019, 384 Seiten, das Taschenbuch ist für August 2020 angekündigt

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