Die bessere Geschichte – Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Die Ausgangssituation im neuen Roman von Eshkol Nevo ist erst einmal keine so außergewöhnliche: Da ist ein Schriftsteller, in seinen Vierzigern, seit langem verheiratet, Vater von drei Kindern. Das Leben läuft so vor sich hin, die Ehe kriselt, die älteste Tochter ist seit kurzem auf eigenen Wunsch im Internat, worunter der Vater still leidet. Der Schriftsteller, der übrigens wie der Autor Eshkol Nevo heißt, befindet sich in einer Schreib- und Lebenskrise. Also, alles schon mal gelesen, mittelalte Männer, die unzufrieden sind, die sich fragen, ob das alles gewesen sein soll, die den Wunsch haben, auszubrechen. Muss man das wirklich noch einmal lesen?

Meiner Meinung nach muss, bzw. kann oder sollte man, auf jeden Fall, denn „Die Wahrheit ist“ ist ein besonderer, ein überaus gelungener Roman, der ein in der Tat nicht neues Thema aber so unterhaltsam und klug erzählt, dass sich die Lektüre sehr lohnt.

Als LeserIn ist man denkbar nah dran an diesem Schriftsteller, der Fragen aus dem Internet beantwortet, die man ihm zugeschickt hat, Fragen von Lesern und Journalisten. Der Fragebogen umfasst unterschiedliche Themen, die sein Schreiben, aber auch generell sein Leben umfassen. Da er gerade nicht an einem neuen Roman schreiben kann, erzählt er so Begebenheiten aus seinem Leben, sowohl aus der ferneren Vergangenheit als auch ganz aktuell: So erfahren wir, wie er mit seiner Frau Dikla zusammengekommen ist, dass sie seine große Liebe war und immer noch ist. Von der Liebe zu seinen Kindern, von der Freundschaft zu Ari, der ihm so viel bedeutet und der unheilbar an Krebs erkrankt ist, was den Ich-Erzähler natürlich sehr belastet. Gleich zu Beginn lässt er uns wissen, dass er an Dysthymie leidet, einer depressiven Erkrankung mit leichteren Symptomen als einer klassischen Depression, die sich aber über einen längeren Zeitraum erstreckt oder erstrecken kann.

Der Protagonist hat sich vorgenommen, bedingungslos ehrlich zu sein. Nicht nur glaubt er, nur so seine Ehe vielleicht noch retten zu können, auch ganz allgemein hat er das Gefühl, dass es ihm selbst nur besser gehen wird, wenn er aufhört, sich und andere zu belügen, sich Dinge schön zu reden.

Sein privates und familiäres Leben hat viel mit seinem Beruf als Schriftsteller zu tun. So hat seine Frau zwar bei einer ihrer ersten Verabredungen gesagt, dass sie gern mit einem Schriftsteller verheiratet wäre, das gilt aber längst nicht mehr, da sie das Gefühl hat, alles, was sie sagt, alles, was beide erleben, werde zu einer Geschichte verarbeitet, ja, auch sie selbst tauche ebenso wie andere Menschen im Leben des Schriftstellers mehr oder eher weniger verfremdet in seinen Büchern auf, während er der Meinung ist, niemand sei dort wirklich wieder zu erkennen und auch niemals in Gänze dort abgebildet. Doch sie ist sich sicher: Er sei stets nur auf der Suche nach der besseren Geschichte, koste es, was es wolle. Ein Vorwurf, der den gesamten Roman durchzieht.

Mich hat in „Die Wahrheit ist“ enorm begeistert, wie es Nevo schafft, immer wieder sofort hineinzuziehen in die verschiedenen Episoden aus dem Leben des Schriftstellers, die er erzählt. Er ist ein guter Beobachter und Analyst und geht mit sich selbst auf der einen Seite hart ins Gericht, schafft es aber auch auf der anderen Seite, dennoch Sympathie zu erzeugen. So wird das Ganze niemals zu einer unangenehmen Nabelschau voller Selbstmitleid, die Balance bleibt stets gewahrt. Beim Lesen hat man immer das sichere Gefühl, dass der Ich-Erzähler seinem Anspruch gerecht wird: Dass er nur die Wahrheit sagt, egal, in welchem Licht ihn das dastehen lässt, und obwohl er ihr manchmal auch selbst erst auf die Schliche kommen muss.

Das Bild, das er von sich zeichnet, setzt sich durch die Struktur des Romans nach und nach zusammen. Es sind einzelne Geschehnisse, von denen Nevo erzählt, wobei er sich aber immer wieder auf sich selbst rückbezieht und losgelassene Fäden zu späteren Zeitpunkten wieder aufnimmt. Erwähnen möchte ich auch die spannenden Szenen, die das Leben im Zentrum des Nahostkonflikts erzählen, gerade auch als israelischer Schriftsteller, der einige Male in ungewöhnliche, teils beängstigende Situationen gerät.

Nevos Ich-Erzähler erzählt direkt und schonungslos, ohne irgendetwas zu verklären. Es gibt einige wenige poetische Stellen im Roman, die umso mehr wirken, als sie so rar gesät sind. Insgesamt ist der Roman ungeheuer dicht erzählt, sodass ich einige Male hin und hergerissen war, da ich einerseits schnell weiterlesen wollte, andererseits das Gefühl hatte, das Gelesene sacken lassen zu müssen. „Die Wahrheit ist“ ist die fesselnde, kluge und unterhaltsame Bestandsaufnahme eines Schriftstellers, der nicht zufällig einige biographische Eckdaten mit dem Autor teilt. Ein Roman, so ehrlich wie menschlich. Bis hierhin mein Buch des Jahres 2020.

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist, aus dem Hebräischen von Markus Lemke, dtv Verlag, 2020, 432 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.