Gute, Böse, Dschinns, Entführer – Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Jai ist neun Jahre alt und lebt mit seiner Familie auf dem „Bhoot-Basar“, das heißt in einem Armenviertel am Rande einer indischen Großstadt. Ihr Leben findet auf engstem Raum statt und ist teils mühsam. Für Wasser zum Beispiel muss man lang anstehen, in der Schlange wird viel getratscht. Jais ältere Schwester Runu-Didi ist eine gute Läuferin und sie trainiert viel, doch niemand glaubt, dass sie aus dieser Leidenschaft mehr machen kann, denn wahrscheinlich wird sie früh heiraten. Jais beste Freunde in der Schule sind der Muslim Faiz und Pari, die deutlich klüger ist als ihre beiden Freunde.

Als das erste Kind vom Bhoot-Basar verschwindet, setzt Jai es sich in den Kopf, Detektiv zu werden und den Jungen zu finden. Er verpasst im Fernsehen keine Folge von „Police Patrol“, einer Sendung, in der Polizisten wahre Verbrechen aufzuklären versuchen. Jai glaubt, der logische Anführer der kleinen Detektivbande zu sein, obwohl vor allem Pari oft die klügeren Fragen stellt.

Deepa Anappara weckt in ihrem Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ ein ganzes Universum zum Leben. Dieses Viertel, in dem die Armen leben, zeichnet sie äußerst plastisch, so dass man meint, es mit allen Sinnen zu erleben. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Balance, die sie schafft, dadurch, dass ihr Erzähler ein 9-jähriger Junge ist. Dadurch sind uns die Armut, die Kriminalität und die Ungerechtigkeit zwar nicht weniger bewusst, aber sie sind besser auszuhalten. Jai weiß noch nicht mit der gleichen Gewissheit wie seine Eltern, dass sie in diesem Leben gestrandet sind, dass ein Aufstieg so gut wie unmöglich ist. Sie wissen, Polizei und Politiker sind korrupt und die Bewohner der Slums ihren Launen ausgesetzt: Wenn die Polizei will, kann sie den Bhoot-Basar in kürzester Zeit mit Bulldozern dem Erdboden gleich machen und Jais Familie hätte gar nichts mehr.

Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit zeigen sich auch daran, dass die Polizei kaum einen Finger rührt, als die ersten verzweifelten Eltern sich an sie wenden, sondern immer nur lapidar meint, Sohn oder Tochter sei sicher nur ausgebüxt. Die Armen scheinen den Ordnungshütern ziemlich egal zu sein.

Auch der schwelende Konflikt zwischen Hindus und Muslimen wird deutlich – erst als die ersten muslimischen Kinder verschwinden, scheint es für viele keine klare Sache mehr zu sein, dass Muslime die Täter sind. Schon zu Beginn räsoniert Jai darüber, dass seine Freunde Pari und Faiz sich manchmal wie ein Ehepaar benehmen, aber niemals heiraten dürften, da die unterschiedliche Religion eine unüberwindbare Hürde darstellt. Der Roman ist, was diesen Konflikt angeht, sehr aktuell, denn unter Premierminister Modi leidet die in der Verfassung verankerte Religionsfreiheit und es kommt immer wieder zu Berichten darüber, dass Muslime Anfeindungen oder auch Angriffen ausgesetzt sind.

Wichtig sind bei Anappara auch die Geschichten, die man sich erzählt auf dem Bhoot-Basar, der Aberglaube, der zumindest ein bisschen Trost, ein bisschen Hoffnung verspricht. Jai wird den Verdacht nicht los, dass die Kinder vielleicht nicht von bösen Menschen, sondern von Dschinns entführt worden sein könnten, auch wenn Pari ihn immer wieder darauf hinweist, dass es keine Dschinns gibt. Das Märchenhafte, in das die Geschichte an diesen Stellen gehüllt ist, gibt beim Lesen eine kurze Verschnaufpause, einen Augenblick der Distanz.

Letztlich steht man als LeserIn dann natürlich doch geschockt und bedrückt vor dieser Geschichte, denn nichts von dem, was wir lesen, hat die Autorin übertrieben oder einfach nur erfunden. Wir wissen von der Armut in den Slums, von der herrschenden Korruption, davon, dass Kinder entführt und Frauen vergewaltigt werden. Jais naiv-pfiffige Perspektive macht das alles zwar erträglicher, beschönigt aber auch nichts.

„Die Detektive vom Bhoot-Basar“ ist ein atmosphärisch sehr dichter Roman, der uns in eine andere Welt führt, leicht und schwer gleichermaßen, von einer Autorin, die ein Talent hat, Geschichten zu erzählen und sich in ihre Figuren genauestens hineinzuversetzen. Ein gleichermaßen bedrückender und dennoch farbenfroher und sehr lebendiger Roman, so widersprüchlich das auch klingen mag.

Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar, aus dem Englischen von pociao und Roberto de Hollanda, Rowohlt Verlag, 2020, 400 Seiten

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