Ein Ausflug ins barocke Venedig – Peter Schneider: Vivaldi und seine Töchter

Antonio Vivaldi war zu seinen Lebzeiten vor allem in Venedig, aber auch darüber hinaus berühmt, und heute ist er es wieder. „Die vier Jahreszeiten“ gehören zu den meistgespielten klassischen Kompositionen überhaupt und es gibt unzählige Einspielungen des Werks. Zwischen seinem Tod im Jahr 1741 und seiner Wiederentdeckung vor etwa 100 Jahren war er aber nahezu vergessen. Peter Schneider nähert sich in seinem Roman „Vivaldi und seine Töchter“ diesem Mann und seinem Leben an, und er tut das auf sowohl unterhaltsame als auch lehrreiche Art und Weise.

Vivaldis Vater war Musiker und auch sein ältester Sohn Antonio nahm früh Musikunterricht und spielte die Violine. Für ihn war aber auch eine Laufbahn als Priester vorgesehen, die entsprechende Weihe erhielt er schon mit 25 Jahren. Fortan arbeitete er im „Ospedale della Pietà“, einem Waisenhaus für Mädchen, in dem er unterrichtete und für die wöchentlichen Auftritte der Musikerinnen komponierte. Die Messe hielt er nur zu Beginn seiner Karriere, obwohl er als Geistlicher eigentlich dazu verpflichtet war. Ob er damit tatsächlich aus gesundheitlichen Gründen aufgehört hat, ist unklar. Möglicherweise war er Asthmatiker.

Peter Schneider schildert in „Vivaldi und seine Töchter“ das Leben des Komponisten, wobei es sich von selbst ergibt, dass er dabei einige Leerstellen füllen muss. Zwangsläufig betreten wir das Reich der Fiktion, doch Schneider liefert die jeweiligen Forschungsergebnisse immer mit und räumt auch ein, wo sich die Musikwissenschaftler uneins sind, so dass hier immer höchste Transparenz gewährleistet ist. Im Mittelpunkt steht in Schneiders Buch die Frage nach der Art der Beziehung Vivaldis zu der Sängerin Anna, die zusammen mit ihrer älteren Stiefschwester zu ihm kommt und schon bald so etwas wie eine Muse wird. Als Vivaldi auch mit seinen Opernkompositionen große Erfolge feiert, ist Anna eine tragende Rolle im Stück jeweils sicher. Obwohl Vivaldi deutlich älter ist als sein Schützling (wobei auch über die Größe dieses Altersunterschieds unterschiedliche Theorien existieren), wird beiden eine romantische Beziehung nachgesagt, die dem „prete rosso“, wie er wegen seiner roten Haare auch genannt wird, natürlich untersagt ist.

Ob Vivaldi und Anna mehr waren als Lehrer und Schülerin, kann auch Peter Schneider nicht beantworten. Doch sein Buch führt uns in eleganter Sprache hinein in das Venedig des 18. Jahrhunderts und lehrt uns so viel darüber, wie Vivaldi damals gelebt und gearbeitet hat. So erfahren wir auch viel über den Opernbetrieb der damaligen Zeit. Eine Zeit, als Opern in Rekordzeit einem bestehenden Ensemble auf den Leib geschrieben wurden und es normal war, bereits verwendete Stücke neu zusammenzusetzen. Und es übrigens alles andere als üblich war, still und gesittet im Zuschauerraum zu sitzen.

Auch Neid und Konkurrenzkämpfe gehörten zu Vivaldis täglichem Leben, der in seiner Position auch für seine Eltern und einige unverheiratete Schwestern finanziell verantwortlich war. Peter Schneider macht all dies in seinem Roman äußerst lebendig, so dass man das Venedig, in dem Vivaldi lebte, vor sich zu sehen meint.

Der Autor tritt zuweilen hervor aus seiner Geschichte, kommentiert sie, wo es Unklarheiten gibt, setzt den Ergebnissen der Forschung zaghaft eigene Gedanken hinzu, beansprucht aber niemals die Wahrheit für sich. Sein tiefes musikalisches wie musikhistorisches Verständnis wird dabei stets spürbar, obwohl der Autor es nicht zur Schau stellt. „Vivaldi und seine Töchter“ ist eine gelungene Annäherung an den großen Komponisten, an sein Leben und das barocke Venedig.

Peter Schneider: Vivaldi und seine Töchter, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019, 288 Seiten

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2 Antworten zu Ein Ausflug ins barocke Venedig – Peter Schneider: Vivaldi und seine Töchter

  1. dj7o9 schreibt:

    Ich höre gerade Vivaldis „Staber Mater“ während ich meine Lieblingsblogs lese und peng rezensierst du ein Bücher über ihn – was für ein Zufall :) Das möchte ich auf jeden Fall lesen! Danke für den Tipp. Liebe Grüße, Sabine

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    • letteratura schreibt:

      Ich liebe ja Barockmusik, daher war der Roman für mich Pflicht. Ich mochte sehr, wie Schneider gleichzeitig unterhält und lehrt. Ich hoffe, es wird dir ebenso gehen. Viele Grüße!

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