Immer noch superreich – Kevin Kwan: Crazy Rich Girlfriend (2. Teil der Trilogie)

Die Coronakrise verändert zur Zeit unser aller Leben. Durch das Kontaktverbot und die vielen Absagen von Lesungen, Konzerten, Theatervorstellungen haben viele mehr Zeit zum Lesen. Doch was ist die beste Lektüre in ungewöhnlichen Zeiten, in Zeiten, die anstrengend sein können, auf die unterschiedlichste Weise, je nachdem, wie wir leben, wie sehr wir betroffen sind, gesundheitlich, finanziell oder auch psychisch? Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Vom Klassiker, der schon lang gelesen werden möchte, über den dicken Wälzer, für den nun endlich mal Zeit ist, zu den Neuerscheinungen, die sich trotz vieler verschobener Erscheinungstermine dennoch stapeln. Eine Möglichkeit, in Gedanken in eine völlig andere Welt zu entfliehen, bietet die „Crazy-Rich-Trilogie“ von Kevin Kwan, die auf Deutsch im Kein & Aber Verlag erschienen ist.

Der erste Teil, der im letzten Jahr auf Deutsch erschien, widmete sich größtenteils Rachel Wu und ihrem Freund Nick, der, wie sich herausstellen sollte, einer der begehrtesten Junggesellen Asiens ist. Sie leben in New York und reisen in Band 1 nach Singapur, um Nicks Familie kennen zu lernen. Rachels Mutter ist zwar Chinesin, sie kann aber keinen Stammbaum von Rang nachweisen und ist vor allem nicht reich und damit in den Augen von Nicks Mutter und einigen anderen Verwandten keinesfalls gut genug für Nick. Man tut somit alles Mögliche, um Rachel und Nick auseinander zu bringen. Wie der erste Teil ist auch der zweite höchst unterhaltsam und liest sich innerhalb von kürzester Zeit. Neben einigen Wendungen, die ich nicht habe kommen sehen, gibt es doch einiges, das sehr vorhersehbar ist. Das Lesevergnügen mindert das aber nicht.

So wird die bereits im ersten Teil wiederholt gestellte Frage nach Rachels unbekanntem Vater in „Crazy Rich Girlfriend“ wieder aufgenommen, und wir begegnen erneut Astrid, der umwerfend schönen, aber auch bodenständigen und äußerst sympathischen Cousine Nicks, die eine meiner Lieblingsfiguren ist. Sie hatte im ersten Teil eine handfeste Ehekrise. Ein Strang, der sehr unterhaltsam und mit stets etwas Geheimnistuerei und der Frage nach der Moral weiter geführt wird.

Außerdem lernen wir die Modebloggerin Collette kennen, die Millionen von Followern hat und die ihr unbeschwertes Leben noch eine Weile genießen möchte, bevor sie sich fest bindet – was ihre Eltern allerdings von ihr erwarten. Auch den passenden Kandidaten haben sie schon ausgemacht. All diese Menschen verfolgen ihre Interessen und suchen am Ende wie jeder andere auch nur ein bisschen Glück – nur dass Glück für sie eben nicht unbedingt das bedeutet, was wir damit verbinden.

Im Prinzip wirken in „Crazy Rich Girlfriend“ alle Zutaten, die Kwan auch schon im ersten Teil der Trilogie zusammengerührt hat. Die Reichen sind immer noch absurd reich und immer noch absurd überheblich zum Beispiel gegenüber Festlandchinesen oder Menschen, die sich ihre Millionen erarbeitet haben – und sowieso solchen, die eben nur ein paar Millionen ihr eigen nennen, die also gar nicht wirklich reich sind. Die gesellschaftlichen Regeln dürfen auf keinen Fall missachtet werden, sonst ist man in diesen Kreisen für immer unten durch. Auch überhaupt hineinzukommen ist ziemlich schwierig, man bleibt doch lieber unter sich, wo man sich kennt und versteht.

Kwan erzählt all dies mit deutlichem Spaß und teils sarkastischem Humor. Wie im ersten Teil ahnt man, dass das Bild, das er von den Superreichen zeichnet, leider nicht übertrieben ist. Vor allem in den Fußnoten tobt sich Kwan bzw. sein Erzähler aus, erläutert Begriffe (gern Schimpfwörter), die im Text in Mandarin stehen und widmet sich vor allem gern und ausführlich der speziellen asiatische Küche.

Dabei ist das Verhältnis von Sympathieträgern und Figuren, die man eigentlich nur verachten kann (was man denn auch mit Genuss tut), ausgewogen, so dass man mit seinen Helden mitfiebern und einigermaßen sicher sein kann, dass das alles für sie ein gutes Ende nehmen wird. Kwans Trilogie ist nicht darauf ausgelegt, dass das Böse siegt und wie im ersten Teil ist einiges sehr vorhersehbar, was aber ebenso wenig stört. Nebenbei steckt jede Menge gut verpackte Sozialkritik in „Crazy Rich Girlfriend“. Wer also gute und manchmal absurde Unterhaltung sucht und sich gern in eine andere Welt versetzen lassen möchte in diesen Zeiten (und auch sonst), der ist bei Kevin Kwans Crazy-Rich-Trilogie genau richtig.

Kevin Kwan: Crazy Rich Girlfriend, aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn, Kein & Aber Verlag, 2019, 576 Seiten

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5 Antworten zu Immer noch superreich – Kevin Kwan: Crazy Rich Girlfriend (2. Teil der Trilogie)

  1. thursdaynext schreibt:

    Ah, du hast es auch gelesen, es ist köstlich und mir ging es auch so, die Fußnoten sind amüsantestens ;)

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    • letteratura schreibt:

      Stimmt, aber die scheinen schon komisches Zeug zu essen ;)

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      • thursdaynext schreibt:

        Hörte sich aber oft lecker an. Nicht immer. Nachdem viel Zeit war hab ich übrigens den Pessachkuchen von Essen aus Büchern gebacken, niemand aus der family mochte ihn, dabei hatte er schöne Konsistenz und wenn man Schoki mit Orange mag ist er sicher superlecker … die Hühner meiner Freundin mochten ihn wohl …

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      • letteratura schreibt:

        Schoki mit Orange ist eine spezielle Kombi glaube ich…

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      • thursdaynext schreibt:

        Absolut, man liebt es oder man mag es nicht

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