Selbstbestimmt leben – Benjamin Myers: Offene See

Der Zweite Weltkrieg ist gerade zu Ende, der junge Robert hat all seine Prüfungen abgelegt. Sein Leben scheint vorherbestimmt: Er wird wie sein Vater im Kohlebergwerk arbeiten, obwohl ihn der Gedanke graust, zieht es ihn doch hinaus in die Natur und ans Meer, die „Offene See“, die in Benjamin Myers’ Roman eine Rolle spielt. Bevor der „Ernst des Lebens“ für Robert beginnen wird, zieht er hinaus in die Natur und die Wälder, wo er bald auf Dulcie trifft, eine ältere Frau, die mit ihrem Hund ein zurückgezogenes, aber selbstbestimmtes Leben in einem Cottage führt, das Robert so nicht für möglich gehalten hätte. Dulcie lädt Robert zunächst einmal auf einen Tee ein, doch dabei wird es (natürlich) nicht bleiben. Robert hilft Dulcie bei körperlichen Arbeiten, im Gegenzug bleibt er Tag um Tag und lässt sich von ihr zum Essen einladen.

Robert hat noch nie jemanden wie Dulcie kennen gelernt: Eine ältere, alleinstehende Frau, die sagt, was sie denkt und durchaus unkonventionelle Meinungen vertritt, zumal für die Zeit, in der sie lebt. Eine Frau, die Lust für ein Menschenrecht hält und der ein eigenständiges Leben wichtiger ist, als Konventionen zu folgen und die es nicht stört, anzuecken. Die auch Robert immer wieder dazu anhält, frei zu sagen, was er denkt, sich nicht immer für alles zu entschuldigen. So weitet sich Roberts enger Blick auf das Leben, und er nimmt das bisher Gelernte nicht mehr als gegeben hin. Dulcie wird zu einer Art Mentorin, bringt ihn mit Literatur und generell einer Bildung in Kontakt, zu der er bisher keinen Zugang hatte, so dass Robert es irgendwann sogar wagt, seinen vermeintlich vorbestimmten Weg in Frage zu stellen.

Doch Dulcie ist nicht so tough, wie sie vorgibt zu sein. Sie hat ein Geheimnis, das mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Robert kommt nur langsam dahinter, andere Leute im Ort, die Dulcie schon länger kennen, machen Andeutungen, fordern ihn aber auf, sie selbst zu fragen. Alles hat mit einem Manuskript mit Gedichten zu tun, das Robert am Cottage findet, Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die diese aber auf keinen Fall lesen will.

Benjamin Myers’ Roman „Offene See“ lebt einerseits von den atmosphärischen Naturbeschreibungen, andererseits von der ungewöhnlichen Beziehung zwischen Dulcie und Robert. Ich habe schon einige Lobeshymnen zu diesem Roman gelesen, konnte selbst aber leider wenig mit ihm anfangen.

Das liegt zum einen daran, dass mich Natur- und Landschaftsbeschreibungen, wenn sie nicht direkt mit der Handlung verbunden bzw. mit ihr verwoben sind, schnell langweilen und ich dabei schnell abschalte. Myers hat hier sicher Talent, in mir aber die falsche Leserin. Nicht alle Bilder scheinen mit außerdem stimmig zu sein. Zum anderen konnte ich mit Dulcie als Figur wenig anfangen. Ich habe sie weniger als aufgeschlossen und als positiv-unkonventionell empfunden, sondern fand sie eher unnötig schroff gegenüber Robert, nur, um zum Ausdruck zu bringen, dass man sich nicht mit falscher Höflichkeit aufhalten soll. Ihre Ansichten sind zwar sicherlich für die damalige Zeit besonders und mutig, das hat mir aber letztlich nicht ausgereicht. Auch der Fort- bzw. Ausgang des Romans ist in keinster Weise überraschend, sondern früh vorhersehbar. Natürlich geht es in „Offene See“ auch weniger darum, eine Geschichte voller unerwarteter Wendungen zu erzählen, es geht vielmehr um Stimmungen, um die Natur und die Kraft, die Literatur, hier vor allem Lyrik, haben kann.

„Offene See“ wird bereits viel gelobt und findet ganz sicher seine LeserInnen, die Myers’ Naturbeschreibungen und seinen Stil mehr zu schätzen wissen, als es mir möglich war. Vielleicht hätte der Roman in einer anderen Zeit, in einer anderen als dieser „Corona-Social-distancing-Zeit“ zumindest für mich besser gepasst und ich hätte ihn besser würdigen können. Aber was für mich gilt, muss ja für andere nicht im gleichen Maße gelten.

Benjamin Myers: Offene See, aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Dumont Verlag, 2020, 270 Seiten

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2 Antworten zu Selbstbestimmt leben – Benjamin Myers: Offene See

  1. soerenheim schreibt:

    Natur und Landschaft sind doch eng mit der Handlung bzw besser dem Kern des Werks verwoben. Sie bilden den Kontrast zur Bergwerks-Arbeiterherkunft, das blaue Meer kontrastiert des weiteren zum „schwarzen“ an den küsten der Kohleorte, des weiteren ist die erfahrene Naturschönheit einerseits Schlüssel, schafft andererseits aber auch Abstand zur vermittelten Kunstschönheit der für den Roman so zentralen modernen Dichtung. Außerdem braucht dieser Roman jene Schönheit, denn außerhalb eines Ortes, der an das Locus amoenus motiv klassischer Idyllik anschließt, ließe sich so eine unwahrscheinliche Geschichte kaum erzählen. In der Natur ist also quasi das „Selbstbewusstsein“ des Textes aufbewart. Was uns wiederum auf höherer Stufe zum Anfang zurück bringt: Das Naturschöne enthüllt sich dem Leser als tatsächlich vermitteltes – als Kunstschönes.

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    • letteratura schreibt:

      Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich bin sowohl meine Lektüre als auch meinen Text dazu deutlich weniger analytisch angegangen, sondern von meinem subjektiven Leseempfinden ausgegangen, das ist denke ich auch deutlich geworden. Trotzdem danke für die weiterführenden Gedanken, die sicher einiges für mich noch einmal neu in Bezug setzen.

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