Olive, again – Elizabeth Strout: Die langen Abende

Olive Kitteridge ist alt geworden. Die Heldin aus Elizabeths Strouts Roman „Mit Blick aufs Meer“, für den die Autorin 2009 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, ist zurück. Und sie hat sich nicht verändert. Sie ist immer noch sehr direkt und geradeheraus, manchmal schroff, so dass sie oft aneckt und nicht unbedingt beliebt ist in Crosby, Maine, wo sie ihr Leben verbracht hat. Andererseits kennt sie jeder in der kleinen Stadt, jeder weiß etwas über sie zu sagen, jeder hat eine Meinung über sie. Umgekehrt ist das genauso: Olive kennt die kleinen und großen Geschichten ihrer Nachbarn und geizt nicht mit Urteilen, aber diese Urteile sind nicht in Stein gemeißelt. Unter der rauen Schale steckt ein weicher Kern, doch sie zeigt diese Seite nicht jedem.

Einer bekommt diese Seite zu sehen, und zwar Jack Kennison. Er ist in seinen 70ern wie sie, ebenso allein stehend, beide haben sie ihre langjährigen Ehepartner verloren. Auch haben beide ein eher schlechtes Verhältnis zu ihren erwachsenen Kindern, woran sie nicht unschuldig sind: Olives Sohn Christopher lebt mit seiner Frau und ihren sowie bald auch den gemeinsamen Kindern in New York. Die Stimmung zwischen Mutter und Sohn ist oft frostig und auch mit ihrer Schwiegertochter ist es schwierig. Olive bemüht sich sehr, sich richtig zu verhalten, macht aber viel falsch und wundert sich dann manchmal über sich selbst, wenn sie auf Naheliegendes im Verhalten gegenüber ihren Stiefenkeln etwa einfach nicht gekommen ist. Christopher scheint auch der Einzige zu sein, dem gegenüber sie nicht ungefiltert sagt, was sie denkt, wie sie es gegenüber anderen tut. Wahrscheinlich steht er ihr zu nah.

Auch Jack hat sich in der Vergangenheit falsch verhalten und zu spät bemerkt, dass er gegenüber seiner Tochter, deren Homosexualität er nur schwer akzeptieren konnte und kann, viel kaputt gemacht hat. Jack und Olive finden einander und tun sich gut, spenden sich Trost, führen bald ein zufriedenes Leben, das dennoch nicht frei von Bedauern und auch nicht von Streit ist.

„Die langen Abende“ (im Original: „Olive, again“) besteht, typisch für die Autorin, aus einzelnen Kapiteln, die jeweils verschiedene Figuren aus Crosby in den Mittelpunkt stellen und eine Zeitlang begleiten. Einige Kapitel befassen sich dabei direkt mit Olive und Jack, andere mit weiteren Menschen aus ihrem Umfeld, wobei wir auch Protagonisten aus anderen Romanen Strouts wieder begegnen. Olive spielt also nicht immer die zentrale Rolle, oftmals begegnet sie aber den anderen Figuren am Rande. So wird der Roman zu einem Panorama, dass sich aus seinen Einzelteilen zu einem großen Ganzen zusammensetzt.

Strout hat ein großes Talent dafür, ihre LeserInnen innerhalb kürzester Zeit hineinzuziehen in einen neuen Zusammenhang, die Figuren vorzustellen und sogleich das Gefühl zu vermitteln, man würde sie schon lange kennen. Die Kapitel wirken ein bisschen so wie kleine Romane, sie sind sehr dicht erzählt, sehr packend, klug und unterhaltsam. Strout hat ein ungemeines Gespür für Zwischentöne. Dabei sind die erzählten Geschehnisse oft denkbar unspektakulär, geht es um Alltäglichkeiten, aber auch um Einschnitte, um wichtige Begegnungen, um Geständnisse, um die Überschreitung von Regeln. Alle haben ihre Geheimnisse, ihre Abgründe, und sind doch andererseits so normal und menschlich, dass man in jedem von ihnen Identifikationspotential finden kann, mal mehr und mal weniger.

Zu Beginn des Romans ist Olive Kitteridge in ihren 70ern, gegen Ende wird sie über 80 sein. Es geht also in „Die langen Abende“ nicht nur darum, wie es ist, mitten im Leben zu stehen, sondern im großen Maße auch um Altern, um das Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit, um den Tod naher Menschen sowie den eigenen nahenden Tod. Strouts Protagonistin ist zwar äußerst pragmatisch und anpackend, aber natürlich gegen Angst und Einsamkeit nicht gefeit. Strout geht diese Themen mit der nötigen Sensibilität an, ohne jedoch große Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit aufkommen zu lassen.

„Die langen Abende“ zeigt einmal mehr, warum Elizabeth Strout so viele AnhängerInnen hat, die ihre unaufgeregten, klugen und lebensnahen Romane lieben. In ihren Büchern kann sich jeder wieder finden. „Die langen Abende“ handelt von uns allen, von unseren Wünschen für ein gutes Leben, vom Scheitern und Augenblicken des Glücks. Ein großes Buch und ein heißer Kandidat für meine Top Ten des Jahres 2020.

Elizabeth Strout: Die langen Abende, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand Verlag, 2020

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