Die Kaputten von Cork – Lisa McInerny: Glorreiche Ketzereien

Alles beginnt damit, dass Maureen Phelan nachts in ihrer Küche einen Einbrecher überrascht und erschlägt. Sie ruft ihren Sohn Jimmy an, der sich um die Leiche kümmern soll, seinerseits ein großes Tier in Cork, der die Dealer, Prostituierten und Kleinkriminellen unter seiner Fuchtel hat. Er beauftragt Handlanger Tony Cusack, sich um die Beseitigung von Leiche und Spuren zu kümmern, ohne zunächst etwas davon mitzubekommen, dass Tony den Toten erkennt. Tony wird es nicht schaffen, dauerhaft darüber zu schweigen.

Tonys Sohn Ryan, den Tony regelmäßig im Suff verprügelt, verdingt sich schon mit seinen 15 Jahren als Drogendealer, eine „Karriere“ im Milieu scheint vorgezeichnet. Der große Lichtblick in seinem Leben ist seine erste große Liebe und Freundin Karine, aus einem besseren Haus als er, Ryan aber ergeben. Die beiden träumen schon bald von einer gemeinsamen Zukunft. Tonys und Ryans Nachbarin Tara Duane, eine etwas ältere Frau, die sich mit den Kaputten und Verlorenen der Stadt auszukennen meint, nimmt sich Ryan an. Ein Besuch Ryans bei ihr hat ungeahnte Folgen.

Die junge Georgie, die von Ryan ab und zu mit Stoff versorgt wird, arbeitet als Prostituierte und vermisst seit einiger Zeit ihren Freund Robbie, der begonnen hat, in Häuser einzubrechen. All diese Figuren und noch ein paar mehr versammelt Lisa McInerney in ihrem rasanten Debütroman „Glorreiche Ketzereien“, für den sie unter anderem 2016 den Baileys Women’s Prize for Fiction erhielt.

McInernery bedient sich dabei einer derben Sprache, vor allem in den sehr pointierten und schnellen Dialogen, die das Milieu, in dem ihre Heldinnen und Helden leben, zum Ausdruck bringen. Ihre Geschichte nimmt dabei immer wieder neue und aberwitzige Wendungen, ist gleichzeitig von schwarzem Humor, aber auch von Tragik durchzogen, wenn deutlich wird, wie schwer es ist, diesem Umfeld, in dem die Figuren leben, zu entkommen. Das Leben hier scheint vorgezeichnet. Besonders ist das an dem Strang um Ryan und Karine abzulesen, einerseits eine nicht untypische Geschichte einer ersten Liebe mit allen Höhen und Tiefen, andererseits sind es aber noch einige Probleme mehr als Untreue und Vertrauensbrüche, denen die beiden beizukommen versuchen.

„Glorreiche Ketzereien“ ist kein klassischer Krimi, obwohl der Roman vor kriminellem Handeln nur so strotzt. Vielmehr ist es gelungene Milieu-  und Sozialstudie über die Abgehängten eines Landes, dem von oben ein Katholizismus aufgedrückt wird, den die meisten der Figuren als verlogen empfinden. Es gibt keine Ermittler, kein Gegengewicht gegenüber all diesen kaputten, zornigen Menschen, über die McInerney schreibt, die sich zumindest teilweise schon aufgegeben haben und die, so wirkt es, auch vom Staat aufgegeben wurden.

Dabei schafft die Autorin durchgehend eine Balance zwischen verschiedenen Stimmungen, so dass das Leben in Cork nicht nur düster und hoffnungslos wirkt. Durch ihren süffigen, sarkastischen Stil bleibt oft eine Distanz zum Geschehen. Dennoch geht das Schicksal der Figuren bei der Lektüre nahe. McInerney kümmert sich nicht um (Krimi-)Konventionen, ihr Roman ist voller Energie, übersprudelnd, nah vor allem an Ryan, der uns in eingeschobenen Kapiteln sogar direkt in seine Gedanken schauen lässt, aber auch an all den anderen Figuren. Auch die Beziehungen der Protagonisten untereinander sind sehr überzeugend erzählt. Mit „Blutwunder“ hat die Autorin einen weiteren Roman geschrieben, in dem wir Figuren aus „Glorreiche Ketzereien“ wieder begegnen. Das ist eine gute Nachricht für Leserinnen und Leser wie mich, die der vorliegende Roman völlig in seinen Bann gezogen hat.

Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind Verlag, 2018, 448 Seiten

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