Aufbruch – Lutz Seiler: Stern 111

Die Mauer ist gerade erst gefallen, da machen sich Inge und Walter Bischoff auf den Weg in den Westen. Ihr Sohn Carl hat vom Plan der Eltern nichts gewusst, erst viel später wird er zu den Beweggründen seiner Eltern mehr erfahren. Sie tragen ihm auf, zu Hause in Gera die Stellung zu halten. Doch Carl zieht es nach Berlin. Mit dem elterlichen Shiguli macht er sich zunächst ohne deren Wissen auf die Reise, in ein auch für ihn unbekanntes Leben, ohne zu ahnen, was ihn erwartet, noch, was genau er sich eigentlich davon verspricht.

In Berlin landet Carl in der Hausbesetzerszene. Nach einem holprigen Start und nachdem man ihm die Machtverhältnisse verdeutlicht hat und welchen Platz man ihm in der Gruppe, die ihn dann aufnimmt, zugesteht, findet er nur langsam seinen Platz. Carl ist gelernter Maurer, wird also in der „Assel“, der Kneipe, die es in der Oranienburger Straße in Berlin wirklich gegeben hat, zur Mithilfe als Arbeiter angeheuert, während er davon träumt, Dichter zu werden, ohne eine Ahnung zu haben, wie er diesen Traum Wirklichkeit werden lassen kann. Als er dann Effi, seinen Schwarm aus Jugendtagen, wieder trifft und schnell bemerkt, dass er immer noch Gefühle für sie hat, zieht er mit ihr und ihrem Sohn Freddy in ein besetztes Haus. Die Beziehung aber läuft nicht, wie Carl sich das gewünscht hat.

In Lutz Seilers neuem bereits preisgekrönten Roman „Stern 111“ lesen wir von der Zeit kurz nach der Wende, als für einen kurzen Zeitraum alles möglich zu sein schien. Carl und seine Freunde in der Hausbesetzerszene versuchen, eine Utopie zu leben, ein Leben nach ihren eigenen Regeln, einfach, unkapitalistisch und solidarisch. Seiler konstruiert ein paar sehr eigenwillige und originelle Charaktere um Carl herum, es ist ein Wirrwarr, ein Kommen und Gehen, ein Leben sehr in Bewegung, in das Carl hineingeworfen wird und in dem er sich erst einmal orientieren muss.

Parallel dazu folgen wir Carls Eltern auf ihrer Reise in ein ebenfalls neues Leben, das ganz anders aussieht als das ihres Sohnes. Inge und Walter trennen sich auf ihrem Weg zunächst räumlich, um die Chancen auf Erfolg zu erhöhen, müssen in Auffanglagern und als Bittsteller ganz unten anfangen und sind immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Für mich ist diese überzeugend erzählte Umkehr dessen, was eigentlich „normal“ sein sollte, einer der gelungendsten Aspekte in Seilers Roman: Die Eltern, die als um die Fünfzigjährige noch einmal etwas ganz Neues wagen, statt daheim zu bleiben, während allein der Sohn fortzieht, das ist so mutig und unkonventionell wie auf der anderen Seite berührend: Nicht nur bricht Carl die Zelte in der Heimat ab, es gibt auch kein Zuhause mehr, in das er zurückkehren kann, vielmehr lernt er seine Eltern neu kennen und ist zunehmend verwirrt von dem, was er über sie nicht wusste. Diese beiden Erzählstränge ergänzen und bedingen sich gegenseitig auf überzeugende Weise.

„Stern 111“ ist vor allem ein atmosphärisch dichter Roman, in dem, nachdem die Hauptfiguren ihre jeweilige Reise erst einmal begonnen haben, vieles vor allem tief in Carl drinnen geschieht. Eher sind es noch Carls Eltern, die sich immer wieder neuen Situationen ausgesetzt sehen, während Carls Leben, einmal in Berlin und in der Gruppe angekommen, in zwar für ihn ungewöhnlichen Bahnen verläuft, dies dann aber in quasi geordnet ungeordneten Bahnen.

Der Roman lebt davon, dass es Seiler so überzeugend gelingt, diese ganz besondere Stimmung Anfang der 90er Jahre zu schaffen, so dass man als LeserIn fühlt, wie es gewesen sein muss in der Szene, in der Carl sich bewegt. Die Möglichkeiten, die Spannung und die Spannungen, die Ungewissheiten, die politische Situation, über die in Carls Umgebung diskutiert wird und im Gegenzug dazu die Situation von Carls Eltern, deren Flüchtlingsstatus in die heutige Zeit versetzt und den Roman noch einmal aktueller erscheinen lässt, all dies vermittelt der Autor mit gleichsam mit Leichtigkeit und der nötigen Ernsthaftigkeit. Sprachlich elegant, stilistisch auf den Punkt, ein großes Buch, das all die Lobeshymnen verdient hat.

Eine weitere Besprechung gibt es auf literaturleuchtet

Lutz Seiler: Stern 111, Suhrkamp Verlag, 2020, 528 Seiten

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