Streichquartett – Aja Gabel: Das Ensemble

Jana, Brit, Henry und Daniel sind das Van-Ness-Quartett, ein Streichquartett, das sich Anfang der 90er Jahre formiert und für viele Jahre gemeinsam spielen wird. Zu Beginn sind sie alle noch ihren Zwanzigern, Henry, der Jüngste, spielt die Bratsche und wird seit seiner Kindheit als Wunderkind bezeichnet, da sein Talent das der anderen übersteigt. Immer wieder wird versucht, ihn mit lockenden Angeboten dazu zu bringen, eine Solokarriere zu starten und das Ensemble zu verlassen. Henrys Familie steht hinter ihm, er hatte von klein auf die besten Voraussetzungen. Jana, die 1. Violine des Quartetts, wuchs mit einer alkoholkranken Mutter auf, die sich für ihre Musik eigentlich nicht interessierte. Brit, die 2. Violine, ist schon seit einigen Jahren Waise und daher wie Jana recht auf sich allein gestellt. Cellist Daniel ist einige Jahre älter als die anderen und leidet darunter, dass sie aufgrund ihrer Jugend noch mehr erreichen können als er. Er gibt sich oft unnahbar, ist aber von Selbstzweifeln getrieben.

Autorin Aja Gabel strebte selbst eine Karriere als Cellistin an, entschied sich dann aber für das Schreiben und promovierte in Literatur und Kreativem Schreiben. So ist es ihr möglich, beide Leidenschaften zu verbinden. Sie weiß also, worüber sie in ihrem Debütroman „Das Ensemble“ schreibt.

Der Roman erstreckt sich über fast zwanzig Jahre, beginnend Anfang der 90er Jahre bis hinein ins Jahr 2011. Die einzelnen Kapitel widmen sich jeweils einer anderen Person aus dem Quartett, zunächst den beiden Frauen, dann den Männern usw. Zwischendurch gibt es immer wieder Zeitsprünge von einigen Jahren.

Die vier Musiker werden also im Laufe der Geschichte erwachsen. Sie gehen Beziehungen ein und trennen sich wieder, sie werden teilweise Eltern, doch immer ist da diese besondere Beziehung zueinander, die nicht nur deshalb so eng ist, weil sie viel Zeit miteinander verbringen, sondern weil sie miteinander musizieren, aufeinander eingespielt sein müssen. Zwangsläufig kennen sie sich sehr gut, können am Spiel der anderen ablesen, ob etwas nicht stimmt. Die Beziehungen innerhalb des Quartetts sind denen zu den Lebenspartnern, wenn auch auf andere Weise, fast ebenbürtig.

Gabels Versuch, diese besonderen Beziehungen innerhalb des Ensembles zum Leben zu erwecken, das Besondere, das Verbindende der Musik herauszustellen, gelingt ihr nur zum Teil. Zu Beginn der Kapitel werden die jeweiligen Stücke genannt, so dass man sie sich parallel zur Lektüre anhören kann, auch im Text fallen immer wieder musikalische Fachausdrücke, doch beides hat nur eine oberflächliche Verbindung zur Geschichte. Ob man sich als LeserIn mit der Fachterminologie auskennt, oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Was diese Musik für die Musiker wirklich bedeutet, überträgt sich bei der Lektüre nur teilweise. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob die Geschichte nicht genauso gut in einem anderen Kontext hätte geschildert werden können, irgendwo, wo Menschen ebenso eng zusammen arbeiten, wo sie mit ebensolcher Leidenschaft ein Ziel verfolgen. Ob es auch außerhalb des Streichquartetts im Grunde die gleiche Geschichte gewesen wäre.

Vielleicht erscheint mir die Musik als Leidenschaft der Figuren auch deshalb austauschbar, weil es in „Das Ensemble“ zum großen Teil um Beziehungen geht – und diese unterscheiden sich nicht von anderen, nur weil es sich um BerufsmusikerInnen handelt. Über weite Strecken des Romans werden Beziehungsprobleme ausgewalzt, geht es um Karriere und Familie und die Vereinbarkeit von beidem, darum, wann der eine für den anderen zurückstecken muss. Das ist solide erzählt, hat man so oder ähnlich aber eben doch schon oft gelesen und konnte mich nicht packen.

So hat mich „Das Ensemble“ zwar einigermaßen unterhalten, insgesamt empfand ich den Roman aber als zu oberflächlich, zu wenig zwingend und das Musikermilieu austauschbar. Die Bedeutung der Musik für die Figuren, das Besondere, Einzigartige daran, von der Liebe zur Musik zusammengehalten zu werden, es vermittelt sich nur schwer neben den großen Raum einnehmenden Beziehungsproblemen. Ein Roman, nicht misslungen, aber einer, der mir wahrscheinlich nicht lange in Erinnerung bleiben wird.

Aja Gabel: Das Ensemble, aus dem Amerikanischen von Werner Löscher-Lawrence, Piper Verlag, 2020, 400 Seiten

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