Es ist ein stiller Indiebookday, …

… der heute begangen wird. In Berlin haben die Buchhandlungen zumindest zum Teil noch geöffnet, doch fast überall im Land sind sie geschlossen. Ebenso Bibliotheken und Stadtbüchereien. Die Buchbranche leidet, wie viele andere, unter der aktuellen Situation. Dass es zur Zeit keine Alternative gibt, dass wir alle zu Hause bleiben sollten, steht außer Frage. Es sind gerade die kleinen Buchhandlungen und die unabhängigen Verlage, die unter der Situation leiden, deren Existenz schon bald auf dem Spiel stehen könnte.

Eigentlich ist die Idee des Indiebooksdays, in eine möglichst unabhängige Buchhandlung zu gehen, dort ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen, sich mit dem Buch zu fotografieren und das Bild in den sozialen Medien zu teilen. Das Stöbern im Buchladen fällt dieses Jahr aus, doch viele Buchhandlungen haben Online-Shops, manche liefern auch selbst per Fahrrad aus. Nehmt diese Angebote wahr, unterstützt Eure lokalen Buchhandlungen! Ich habe zur Inspiration ein paar Tipps aus unabhängigen Verlagen zusammengestellt. Diese Bücher habe ich in den letzten Jahren gelesen und gemocht. Per Klick auf das Cover kommt Ihr zu meinen Besprechungen.

Im Mare Verlag werde ich immer fündig, und so gibt es hier gleich drei Empfehlungen: In „Alleingang“ erzählt Stefan Moster über Freundschaft und den Wunsch, dazuzugehören und von der Jugend der heute um die 50-Jährigen. „Céleste“ von Peter von Becker besteht aus einzelnen Episoden, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Ein geschickt konstruiertes Buch darum, wie alles miteinander verflochten ist. Sarah Moss erzählt in „Zwischen den Meeren“ von einer Liebesgeschichte im späten 19. Jahrhundert und von weiblicher Emanzipation. Vom Cover sollte man sich nicht abschrecken lassen. Deborah Feldmanns „Unorthodox“ ist der kluge und fesselnde Lebensbericht über ihr Aufwachsen in einer sehr strengen jüdischen Gemeinschaft, aus der sie sich schließlich befreien konnte. Neel Mukherjees Roman „In anderen Herzen“ ist ein großartiger Roman über eine indische Familie voller Missgunst und Selbstgerechtigkeit.

Jalid Sehoulis „Marrakesch“ passt in keine Schublade. Es ist einerseits ein Sehnsuchtsbuch um die titelgebende Stadt, andererseits erzählt der Autor sehr engagiert und empathisch von seiner Arbeit als Krebsspezialist in einer Klinik. „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ ist mir immer noch in bester Erinnerung, ein Roman, der mich umgehauen hat. Eine exzentrische Protagonistin, die die Idee, einen monatelangen Winterschlaf zu halten, einfach ernsthaft umzusetzen versucht, eine abgefahrene nicht vorhersehbare Geschichte, eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre. „Die Brandstifter“ von R.O. Kwon erzählt subtil und klug von der Radikalisierung an einer Elite-Universität und lässt bewusst Leerstellen. Und Hari Kunzru erzählt in „White Tears“ über zwei Musikfreaks, die ein Musikstück im Netz hochladen und von einem User bedrängt werden. Ein Roman, der Reales und Phantastisches zu verschränken scheint, der verwirrt und nach einer Verfilmung quasi schreit. „Zärtliche Klagen“ ist die Geschichte einer Frau und ihrer Einsamkeit, um Liebe und Musik und die Frage, wie wir unser Leben leben wollen. Die letzten vier Romane sind allesamt im Liebeskind Verlag erschienen.

Dag Solstads Roman „T. Singer“ ist eine Studie über einen Protagonisten in all seiner Durchschnittlichkeit. Er möchte auf keinen Fall auffallen und in seine Ehe gerät er eher hinein. Eine Geschichte ohne Knalleffekte, in der ich mich zwar manchmal etwas alleingelassen fühlte, die mich aber neugierig gemacht hat auf andere Bücher des Autors. „Aus dem Feuer“ von Ingvar Ambjørnsen erzählt von einem sehr bekannten Krimiautor, der sein neues Buch vermarkten will und an einen hartnäckigen Fan gerät, wobei es zu Gewalttätigkeiten kommt. Michela Murgia erzählt in „Accabadora“ von einer archaischen Welt, einer Adoption „der Seele“ und von Sterbehilfe. Ein nachdenkliches Buch. Osman, Hauptfigur in Katharina Mewissens Debütroman „Ich kann dich hören“, spielt Cello, Fußball und lebt in einer WG. Ein Roman um das Hören, um die Sinne, um Herkunft und um das Erwachsenwerden von einer Autorin, von der hoffentlich noch zu lesen sein wird. In Sigurður Pálssons Band „Gedichte erinnern eine Stimme“ ist Lyrik eines Dichters versammelt, der wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Gedanken zu den Elementen, zur Natur, zu Alltäglichkeit und Abschied. Erschienen im ELIF Verlag.

Ein Debüt, das mich sehr begeistert hat, ist Demian Lienhards Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“. Es geht um die junge Alba, es geht um Drogen, es ist ein rasanter Roman, in einem außergewöhnlichen Ton. Ulla Lenze hat gerade ihren neuen Roman „Der Empfänger“ bei Klett Cotta veröffentlicht. Ihr letzter Roman ist bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. „Die endlose Stadt“ erzählt von zwei Frauen, die in Istanbul und Mumbai nach Antworten über ihr Leben suchen. Eine kunstvoll verwobene Geschichte und eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre. Meine Rezension dazu ist wie auch die Besprechung zu Monique Schwitters „Eins im andern“ auf dem Feinen Buchstoff erschienen, wo ich früher Teil einer sehr engagierten und netten Gruppe war. Hier erinnert sich eine Frau an zwölf Männer, die sie geliebt hat, die wichtig für sie waren. Mitnichten handelt es sich bei allen um romantische Liebesgeschichten. „Gewaltkette“ ist ein packender Krimi aus Indien, bei dem man einiges aushalten muss. Und wer etwas Unterhaltsames sucht, dem sei „Crazy Rich Asians“ von Kevin Kwan empfohlen. Auch wenn einiges vorhersehbar sein mag, selten wurde ich so gut unterhalten wie bei der Lektüre dieses Buchs um eine Welt der Superreichen, die man sich als „normaler Mensch“ gar nicht vorstellen kann.

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9 Antworten zu Es ist ein stiller Indiebookday, …

  1. Bri schreibt:

    Liebe Ines, ja das ist eine merkwürdige Zeit. Aber anstatt in die Buchhandlung des Vertrauens zu gehen, kann man telefonisch oder per Mail bestellen und bekommt die Bücher dann eben etwas später. Vielen Dank für Deinen LInk auf den Buchstoff – wir kommen auch immer gerne hierher zu Dir und ehrlich gesagt, bist Du doch auch noch ein Teil von uns. Liebe Grüße und bis hoffentlich bald mal wieder draußen im Leben! Bri

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    • letteratura schreibt:

      Liebe Bri, vielen Dank für Deine Worte! Ja, es ist merkwürdig und auch bedrückend, und wahrscheinlich müssen wir versuchen, das Beste draus zu machen und wo es geht, ein bisschen zu helfen – und auf die Experten hören. Wer weiß, vielleicht würde es Letteratura ohne den Buchstoff gar nicht geben. :) Viele Grüße und bleib gesund!

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  2. Constanze Matthes schreibt:

    Es ist eine merkwürdige Zeit, so würde ich es auch bezeichnen. Deinem Appell schließe ich mich sehr gern an. Deine Buchtipps sind wunderbar, vielen Dank dafür. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Dankeschön! Ich freu mich, wenn etwas für Dich dabei ist. Ich habe noch einige Indies hier und auch in der letzten Woche noch etwas gekauft, und ich werde das nach Möglichkeit auch weiter tun. Wie gut, dass Bücher stöbern Spaß macht :) Viele Grüße, komm gut durch diese Zeit!

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  3. thursdaynext schreibt:

    Hi meine Liebe, ich denke wir sollten, so uns etwas an den Menschen und unseren Innenstädten liegt alle davon absehen bei den bekannten handelsgiganten zu kaufen sondern die Onlineangebeote der örtlichen Händler nutzen. Sogar hier auf dem Dorf ist das möglich da die Händler benachbarten Kleinstädte bereits reagiert haben und online vermarkten. Übrigens, gestern bei der Buchhandlung telefonisch Kevin Kwans Crazy Rich Problems bestellt, heute holt mein Mann es gerade ab, sie verkaufen wenn man klingelt am Nebeneingang zumindest noch heute noch, danach per Post. Die passende Lektüre für die Krise ;)
    Bleib gesund und weiterhin schreibfreudig
    liebe Grüße
    Sandra

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    • letteratura schreibt:

      Liebe Sandra, ich danke Dir für Deinen Kommentar! Und ja, genau, ich höre und lese das diese Tage oft, dass die Buchhandlungen da viel möglich machen, teilweise bringen sie die Bücher auch selbst mit dem Fahrrad zum Kunden. Ich habe mir auch den zweiten Teil der Trilogie, den ich ja immer noch nicht gelesen habe, bereitgelegt, weil ich den gleichen Gedanken hatte. Liebe Grüße, pass auf Dich auf und bleib ebenfalls gesund!

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