Nur ein Tag – Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses

Der argentinische Schriftsteller Lucas plant einen Tagestrip nach Montevideo. Dort will er die Honorare für zwei Buchverträge abholen und über die Grenze zurück schmuggeln, um sie nicht versteuern zu müssen. Das Geld benötigt er, um in Ruhe an zwei weiteren Büchern schreiben zu können und auch, um seine Schulden bei seiner Frau Catalina zu begleichen. Die Ehe ist schon länger nicht mehr glücklich. Lucas verdächtigt seine Frau, ihm nicht treu zu sein, ist es umgekehrt aber auch nicht.

In Uruguay, „Auf der anderen Seite des Flusses“ hofft Lucas außerdem, Guerra wiederzusehen, eine junge Frau, die er im Jahr zuvor dort kennengelernt hat. Die beiden blieben über Emails in Kontakt und Lucas hofft, endlich mit ihr im Bett zu landen, nachdem er das Geld von der Bank abgeholt hat. Doch sein Tag in Montevideo wird nicht verlaufen, wie geplant.

Pedro Mairal lässt Lucas in seinem schmalen Roman aus der Ich-Perspektive von nur einem Tag in seinem Leben erzählen. Wir LeserInnnen sind immer ganz nah dran am Geschehen und an dem, was in Lucas vorgeht. Das Ganze ist außerdem ein Brief bzw. ein Bekenntnis an seine Ehefrau, die er direkt anspricht und der er sich erklärt.

Hinter den Alltäglichkeiten im Zusammenhang mit seiner Reise und seinen Gedanken, die hauptsächlich einerseits um Guerra, andererseits um das Geld kreisen, das er vor den scheinbar allgegenwärtigen Dieben in Montevideo zu verbergen sucht, steckt noch mehr: Das Leben dieses Mittvierzigers, der das Gefühl hat, festzustecken, unzufrieden in der Familie, frustriert wegen der Ansprüche, die an ihn gestellt werden, befindet er sich eigentlich sehr klassisch in einer Midlife Crisis. Das erzählt Mairal einerseits überzeugend, andererseits hatte ich meine Probleme, mich mit Lucas in irgendeiner Art und Weise zu identifizieren: Er blieb mir eher fremd. Immer dann, wenn der Roman sich gerade ausschließlich wie eine Betrugsgeschichte las, habe ich ein wenig widerwillig abgeschaltet, weil mich das nicht interessiert hat und mir Lucas ein bisschen auf die Nerven ging.

Das sind natürlich persönliche Befindlichkeiten und Vorlieben, doch für mich hat es in „Auf der anderen Seite des Flusses“ leider in der Hinsicht ein wenig an Tiefe gefehlt. Gerne hätte ich in Lucas mehr gesehen als einen frustrierten mittelalten Mann – und vermutlich ist er mehr als das. Mir war der Fokus zu stark auf Guerra gerichtet. Vielleicht hätten dem Roman einfach ein paar Seiten mehr gut getan.

So ist „Auf der anderen Seite des Flusses“ eine teilweise gelungene Studie darum, wie sich an einem einzigen Tag alles verändern kann. Und es zeichnet das Bild des Lebens eines Mannes in der Lebensmitte, der unzufrieden ist, dem sein Leben zu kompliziert ist. Kein schlechter Roman, aber vollends überzeugen konnte mich die Geschichte leider nicht.

Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses, aus dem argentinischen Spanisch von Carola S. Fischer, Mare Verlag, 2020, 176 Seiten

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