Radikal – Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung

Mugdi und seine Frau Gacalo leben schon sehr lang in Norwegen, sind gut integriert und verstehen sich als gemäßigte, weltoffene Muslime. Sie haben zwei Kinder großgezogen, doch ihr Sohn Dhaqaneh hat sich vor einigen Jahren Dschihadisten in Somalia angeschlossen und ist bei einem Selbstmordattentat umgekommen. Er hinterlässt seine Ehefrau Waliya und deren beide Kinder Naciim und Saafi. Zwischen Mugdi und Gacalo entbrennt ein Streit darüber, ob sie die drei nach Norwegen holen sollen, wie es der Wunsch ihres Sohnes war. Mugdi verweigert sich nicht nur der Trauer um seinen Sohn, von dem er sich seit dessen Hinwendung zum Terrorismus soweit es für ihn möglich war, losgesagt hat, sondern möchte auch von dessen Familie nichts wissen – schließlich weiß niemand, wie Wayila genau zu Dhaqanehs terroristischen Aktivitäten steht. Zudem müssen er und Gacalo für die Familie bürgen, womit auch ein finanzielles Risiko verbunden ist. Doch Gacalo besteht darauf, dass sie ihnen helfen. Auch sie trägt schwer an den Entscheidungen ihres Sohnes, kann ihn aber nicht mit der gleichen Konsequenz aus ihren Gefühlen verbannen wie es Mugdi allem Anschein nach möglich ist.

So kommen Wayila, Naciim und Saafi nach Norwegen. Wayila ist streng gläubig und verlangt auch von ihren Kindern absoluten Gehorsam und verbietet ihnen jeglichen Kontakt zu den Einheimischen. Naciim, der eigentlich noch ein Kind ist, versteht sich zunächst als Entscheider über Mutter und Schwester, da man ihm gesagt hat, er sei „der Mann in der Familie“. Saafi ist nach einer Vergewaltigung im Flüchtlingslager traumatisiert. Es ist also keine einfache Situation, in der sich Mugdi und Gacalo befinden.

Nuruddin Farah, einer der bekanntesten Autoren somalischer Herkunft, erzählt in seinem neuen Roman „Im Norden der Dämmerung“ von dieser Familie und den vielen Problemen, denen sie sich stellen müssen. Mugdi und Gacalo kommen weder an Waliya heran, noch sind ihre Einstellungen zum Islam und zu ihrem Leben in Norwegen in irgendeiner Form mit den Ansichten Wayilas auf einen Nenner zu bringen. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten: Durch ihre Hautfarbe sind Mugdi und Gacalo trotz aller vorbildlicher Integration und den norwegischen Pässen, die sie seit langem besitzen, genauso Rassismus ausgesetzt wie die neu eingetroffenen Familienmitglieder. Immer wieder werden Rechtsextremismus und Islamismus in Farahs Roman zum Thema und es wird deutlich, wie sehr gerade Mugdi und Gacalo von beidem betroffen sind.

Der Roman ist eher nüchtern und im Präsens erzählt. Als Leser bleiben wir immer ein Stück weit außen vor, da uns die Innenwelt der Figuren eher durch das Erzählen ihres Auftretens, durch ihr Tun und Reden vermittelt wird, und es wenig in die Tiefe geht. Für mich hat das nur zum Teil funktioniert, und ich habe den Roman teils als sprunghaft empfunden, wenn das auch nicht durchgehend gilt und mir die Sorgen und Nöte von Mugdi, Gacalo und den anderen durchaus nahegebracht wurden und ich mit ihnen mitgefiebert habe.

Die Figuren des Romans lassen sich klar in zwei Lager einteilen: Hier befinden sich die gut integrierten Somalis, die quasi längst assimiliert sind, dort die fatalistischen, dem Terror nicht abgeneigt. Ab und zu ist diese Einteilung so klar umrissen und der Erziehungsauftrag an die Leserschaft so deutlich, dass es stutzen lässt. Absolut Grundlegendes zum Islam muss man einem Muslim eigentlich nicht erklären, auch wenn der die Religion nicht streng ausübt. Diese Erklärung ist dann ganz offenbar, – ein bisschen zu offensichtlich – an den Leser gerichtet.

„Im Norden der Dämmerung“ erzählt eine Geschichte voller Tragik und Bedrohungen, voller Ungerechtigkeit. Das liest sich fesselnd und dramatisch, wenn es auch fast etwas viel des Dramas ist. Die Figuren wachsen einem letztlich dann doch ans Herz. Sprachliche Raffinessen sind nicht zu finden, der Roman ist generell eher konventionell erzählt. Gut gelingt es, Farah zu veranschaulichen, wie die norwegische Gesellschaft – und das stellvertretend auch für andere europäische Länder – zwischen Rechtsextremisten und Islamisten wie machtlos zwischen die Fronten gerät, während sich die Extreme gar nicht so sehr voneinander unterscheiden.

Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung, aus dem Englischen von Wolfgang Müller, Kunstmann Verlag, 2020, 352 Seiten

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Eine Antwort zu Radikal – Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Das kommt sogleich auf meine Liste. Ich danke Dir sehr für diese Leseempfehlung. Viele Grüße

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