Die Expedition des Bartholomäus – Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Bücher, vor allem Romane, die in Indien spielen, sind für mich Pflichtlektüre. Auch Christopher Kloebles autobiographisches Buch „Home made in India“ über Vorurteile hier wie dort und über sein Leben, das er seit seiner Heirat mit Saskya, die in Indien aufwuchs, teilweise in Delhi führt, habe ich mit Vergnügen und Interesse gelesen. An seinem neuen Roman „Das Museum der Welt“ hat Kloeble ungefähr zehn Jahre gearbeitet und man glaubt, dem Buch bei der Lektüre anzumerken, dass es für seinen Schöpfer ein ganz besonderes ist, eines, in das nicht nur viel Fleiß, sondern auch viel Herzblut geflossen ist.

In den 1850er Jahren brachen drei Brüder, die Schlagintweits, aus Bayern zu einer großen Forschungsexpedition auf, aus der Heimat unterstützt vom schon sehr alten Alexander von Humboldt. Die Reise dauerte mehrere Jahre und endete nicht für alle von ihnen gut. Kloeble erzählt von der Expedition aber nicht aus der Sicht der Deutschen, sondern lässt Bartholomäus sprechen, einen Waisenjungen, der die Schlagintweits als Übersetzer unterstützen soll und der es mit seiner pragmatischen Schläue immer wieder schafft, seine Interessen durchzusetzen.

Bartholomäus hat bis zu seinem Treffen auf die Expedition keine glückliche Kindheit. Wer seine Eltern sind, weiß er nicht, lediglich Vater Fuchs, den Leiter des Waisenhauses, liebt er wie einen Vater, da dieser in Bartholomäus etwas Besonderes zu sehen glaubt und ihn fördert, wo es geht. Von den anderen Jungen allerdings wir er gehänselt und getriezt, Freunde hat er keine. Als er, „mindestens zwölf Jahre alt“ ist (und mindestens so viele Sprachen spricht), wie er selbst sagt, nimmt sein Leben eine entscheidende Wendung.

Auf seiner Reise mit den Brüdern Schlagintweit gründet Bartholomäus dann „Das Museum der Welt“. Es besteht aus einem Notizbuch, in dem er „bemerkenswerte Objekte“ aufzeichnet, wobei Objekte auch Gefühle oder Menschen sein können. Und wir Leser sind dabei auf der Reise durch Bartholomäus’ Land, das der Junge erst einmal selbst verstehen muss. Auf dieser Reise wird er viel lernen, er wird erwachsen werden.

„Das Museum der Welt“ macht einmal mehr die Absurdität deutlich, mit der wir Europäer in der Vergangenheit hinausgezogen sind in die Welt und versucht haben, anderen Völkern und Ländern unsere Art des Lebens aufzudrücken, in der arroganten Annahme, wir seien höher entwickelt und hätten daher das Recht, sie niederzuzwingen, wenn sie nicht auf uns hören wollten. Bartholomäus zeigt dies immer wieder auf, wenn er die Auffassung der Schlagintweits, aber auch generell der „Vickys“, wie er die Engländer nennt, vermeintlich naiv, aber vor allem sehr pointiert und mit unverwechselbarer pragmatischer Klugheit kommentiert. Sowieso ist er Held und Herz der Romans, und die verschmitzte Art, mit der Kloeble ihn erzählen lässt, machen den Roman zu einer so unterhaltsamen wie aufschlussreichen Lektüre.

So lernt Bartholomäus nicht nur Wichtiges über Indien und über die Europäer, sondern auch über Zwischenmenschliches. Wem kann er trauen? Wer ist nett zu ihm, schaut aber trotzdem auf ihn herab, und das nicht nur, weil er ein Kind ist? Ist die Kluft zwischen Europäern und Einheimischen jemals überwindbar? Nicht immer verhält Bartholomäus sich anderen gegenüber fair. Als man ihn dazu bringen möchte, die Brüder Schlagintweits auszuspionieren, wird es für ihn erst recht kompliziert, denn sein Verhältnis zu ihnen, vor allem zu Adolph, mit dem er immer wieder gute Gespräche führt, ist ambivalent.

„Das Museum der Welt“ spielt im 19. Jahrhundert, erzählt aber auch viel über unsere heutige Zeit und unseren Blick auf andere Länder und Menschen. Über unseren Umgang miteinander. Über Vorurteile. Der Roman ist sinnlich, voller Gerüche und Geschmäcker, voller intensiver äußerer und innerer Eindrücke. Ein lesenswerter Abenteuer- und Coming-of-Age-Roman.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt, dtv Verlag, 2020, 528 Seiten

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11 Antworten zu Die Expedition des Bartholomäus – Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

  1. thursdaynext schreibt:

    Das klingt intensiv und faszinierend und „Home made in India“, wollte ich lesen, habe es aber wieder vergessen, danke dir!

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    • letteratura schreibt:

      Sind natürlich zwei ganz verschiedene Bücher. Wie immer kann ich dich da schwer einschätzen, würde mich aber interessieren, ob sie dir gefallen. Viele Grüße!

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  2. Das klingt nach einem Roman für mich. Bücher über Indien lese ich auch unglaublich gerne. Danke für den Tipp! Viele Grüße

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  3. Pingback: Blogbummel in unruhigen Zeiten: Februar/März 2020 – buchpost

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