Vom Leben mit der Schuld – Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn

Sina ist Designer, hat eine deutsche Mutter und einen iranischen Vater, zu dem er kaum Kontakt hat. Er spricht fast kein Persisch, wird aber immer wieder auf sein Äußeres angesprochen, kann dann aber kaum etwas Interessantes zur Unterhaltung beitragen und enttäuscht seine Gesprächspartner regelmäßig damit, deren Wunsch nach dem Orientalisch-Geheimnisvollen nicht nachkommen zu können.

Als Sinas Chef in der Agentur plötzlich und unerwartet stirbt und der berühmte, aber arrogant und unnahbar wirkende Ali Najjar sein neuer Vorgesetzter wird, bringt das in Sina, in dem es seit einiger Zeit ohnehin schon arbeitet, etwas in Gang. Er ist beruflich unzufrieden, und auch in seiner Beziehung läuft es nicht zum Besten. Ali Najjar kam als Flüchtling aus dem Iran, und es kursieren schlimme Geschichten darüber, wie es ihm Krieg ergangen ist. Er selbst hat sich eine harte Schale antrainiert, kündigt an seinem zweiten Tag in der Agentur sofort alle Mitarbeiter, die er rechtlich kündigen kann und lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Angestellten größtenteils für unfähig hält. Nur Sina behandelt er anders, da er in ihm einen Iraner und somit seinesgleichen sieht. Sina allerdings lässt sich auf der Art Selbstfindungstrip, auf dem er sich befindet, zunächst einmal für ein paar Monate beurlauben. Bis Ali Najjar ihn kontaktiert und dazu auffordert, mit ihm nach Dubai zu fliegen. Sina sagt zu, ohne zu wissen, auf was er sich einlässt und was Ali Najjar eigentlich von ihm erwartet.

Ali Najjar hat vor kurzem eine Nachricht bekommen von einem, der seine Mutter, die vor kurzem gestorben ist, gut kannte. Ali Reza, so sein Name, möchte ihn treffen und ihm einen Brief seiner Mutter übergeben. Ali Najjar scheut vor diesem Treffen zurück, und das aus guten Gründen, wie wir im Laufe des Romans erfahren.

Nava Ebrahimis Debütroman „Sechzehn Wörter“ hat mir vor drei Jahren gut gefallen. Auch dort hat sie ihren eigenen Hintergrund – sie kam in Teheran zur Welt und lebt heute in Graz – zumindest zum Teil verarbeitet. Auch „Das Paradies meines Nachbarn“ spielt teilweise im Iran, teils in Deutschland. Während ich den früheren Roman ausgeglichener und schlicht gelungener in Erinnerung habe, konnte mich „Das Paradies meines Nachbarn“ leider nur teilweise überzeugen.

Das liegt zum Teil an der Fülle des Stoffs, den die Autorin auf gerade einmal gut 200 Seiten unterbringt. Ihr Roman hat drei Hauptfiguren, die allesamt ihre eigene, nicht unkomplizierte Geschichte haben und die so meiner Meinung nach allesamt zu kurz kommen. Zwar ist es nicht nötig, jeden einzelnen Konflikt auszubuchstabieren, im Gegenteil ist es oft gerade das Ungesagte, dass Literatur meiner Meinung nach lesenswert macht, doch hier geht es mir insgesamt zu wenig in die Tiefe, bleiben die Figuren mir zu flach und eindimensional. Auch ihre Beweggründe sind für mich nur teilweise nachvollziehbar: Auch wenn Sina sich in einer Krise befindet, die auch mit seiner iranischen Herkunft zu tun hat und es ihn aufgrund dieser Herkunft in Ali Najjars Nähe zieht, so kommt mir das dennoch etwas dünn vor, wenn es darum geht, ihn auf eine Reise zu begleiten, ohne zu wissen, was er in Dubai überhaupt tun soll. Und Ali Najjar ist zwar als geheimnisvoller und unnahbarer Charakter angelegt, auch er bleibt mir aber insgesamt zu blass und sein Schicksal, das mit dem von Ali Reza verbunden ist, konnte mich dadurch nur mäßig berühren.

„Das Paradies meines Nachbarn“ streift interessante und relevante Themen, die mich normalerweise interessieren und über die ich gern lese. Der Roman beschäftigt sich mit Schuld, die man schnell und unbedacht auf sich laden kann und der Frage, ob und wie man unschuldig schuldig werden kann und wie man dann mit einer solchen Schuld leben kann. Es gibt verschiedene Strategien, wie „Das Paradies meines Nachbarn“ aufzeigt. Leider ist das insgesamt für mich nur teilweise aufgegangen, auch wenn ich den Roman nicht ungern gelesen habe.

Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn, btb Verlag, 2020, 224 Seiten

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