Moralapostel – Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch

Steen Friis hat mehrere Bücher zum Thema Anstand geschrieben und sich einen Namen damit gemacht. Er ist gern gefragter Gesprächspartner, wenn es um entsprechende Fragen geht und bestimmte Diskussionen oder Ereignisse es nahe legen, jemanden wie ihn als Experten dazu zu konsultieren. Für ihn ist das nichts Besonderes mehr und seine Antworten hat er lang erprobt. Ein bisschen hat er das alles inzwischen selbst über.

Steen ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Mit seiner Frau Frauke und einem befreundeten Paar will er ein Wochenende in seinem Haus auf einer dänischen Insel verbringen. Dorthin zieht er sich stets zurück, wenn er in Ruhe arbeiten möchte. Eigentlich ist Ute diejenige, mit der Steen befreundet ist, die gleichzeitig seine Verlagsvertreterin ist und seine (und natürlich nicht nur seine) Bücher verkauft. Mit Gero ist Ute noch nicht allzu lang zusammen. Steen und Ute flirten oft miteinander, doch mehr scheint nicht dahinter zu stehen.

Diese Ausgangssituation, zwei Paare, die ein Wochenende miteinander verbringen, ist natürlich alles andere als neu und daher war die große Frage zu Beginn der Lektüre von Jan Christophersens Roman „Ein anständiger Mensch“, ob er etwas Neues daraus machen wird, oder ob sein Buch vielleicht doch nur eine Variante von bereits unzählige Male Gelesenem ist. Ich finde, Christophersen ist es gelungen, seine Geschichte anders zu erzählen, auch wenn die Ausgangssituation und auch der Wunsch, den Frauke relativ zu Beginn des Romans an Steen heranträgt, alles andere als innovativ ist. Frauke fühlt sich zu Gero hingezogen. Als Stehen und Frauke noch nicht lang zusammen waren, haben sie einmal vereinbart, sich Freiheiten in der Liebe zu lassen. Steen kann auf Fraukes Wunsch nur mit Eifersucht und Wut reagieren, während sie seine Reaktion übertrieben empfindet. Allerdings hat Steen nicht nur mit seiner Eifersucht und seiner Abneigung gegenüber Gero zu tun, mit dem er eine Art Alphatierkampf führt, sondern er knabbert auch an dem Artikel seines alten Kommilitonen Hannes, in dem der ihn runterputzt und fertigmacht.

Mehr möchte ich nicht verraten, nur so viel, dass sich einige Wendungen zwar ankündigen, wenn man aufmerksam liest, dass es Christophersen aber dennoch gelingt, zu überraschen und auf hohem Niveau zu unterhalten. Er lässt Steen aus der Ich-Perspektive erzählen, so dass die Sicht des Lesers immer diejenige von Steen ist, während wir die anderen Figuren nur von außen zu sehen bekommen. Steen geht zuweilen hart mich sich ins Gericht und erläutert nicht nur ehrlich, was er über die anderen denkt, sondern analysiert auch sein eigenes Verhalten differenziert und ohne zu beschönigen, wenn er hässliche Gedanken hat, egoistisch oder arrogant ist. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, aber durchaus echter und menschlicher. Man kann dem Roman vorwerfen, dass andere Perspektiven dem Leser verwehrt bleiben und der Geschichte vielleicht gut getan hätten, doch hat sich Christophersen bewusst dafür entschieden, Steen komplett in den Mittelpunkt zu stellen, was meiner Meinung nach aufgeht.

So übertragen sich die moralischen Fragen, die Steen sich selbst stellt, auch auf den Leser, lassen vor allem auch über Ursache und Wirkung nachdenken, denn nach diesem Wochenende wird alles anders sein als zuvor. Steens Krise weitet sich aus, ist mehr als die übliche Midlife Crisis, in der er sich ganz offenbar befindet.

„Ein anständiger Mensch“ ist ein unterhaltsamer, kluger Roman, der schnell den berühmten Sog entwickelt, von dem immer zu lesen ist und über dem von Anfang an ein Unheil schwebt, das man als Leser zu greifen bekommen möchte. Wenn man dranbleibt, wird man belohnt.

Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch, Mare Verlag, 2019, 352 Seiten

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