Das Grauen ist leise – Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Ein Junge verschwindet. Die Mutter hat ihn nur kurz aus den Augen gelassen. Zeugen haben einen Mann mit einem Teddybären gesehen, doch offenbar ist seine Erscheinung so unauffällig, dass sich niemand genau an sein Äußeres erinnern kann. Ben Neven und Christian Sandner, zwei noch relativ junge Polizisten, beginnen zu ermitteln und stoßen auf einen ähnlichen, unaufgeklärten Fall, der einige Zeit zurückliegt.

Jan Costin Wagner erzählt in seinem neuen Roman „Sommer bei Nacht“, der als Beginn einer neuen Serie angekündigt wird, keinen typischen Krimi. Er erzählt multiperspektivisch in kurzen Kapiteln aus der Sicht aller Beteiligten – auch der des Täters, den wir Leser von vornherein kennen. Wir lesen aus dem Leben der Ermittler und ihrer Familen, aus dem der Angehörigen. Wie geht man damit um, wenn das eigene Kind verschwindet und man nichts tun kann, außer zu warten darauf, dass die Polizei es hoffentlich findet? Lebt man seinen Alltag weiter, im Versuch, zu funktionieren, nicht zusammenzubrechen? Es geht in diesem Buch nicht um Knalleffekte, um vordergründiges Grauen. Das Grauen hier ist vielmehr ein leises, das sich umso mehr bei der Lektüre in einem festsetzt und dazu führt, dass der Roman gleichzeitig ungemein fesselt, so dass man ihn kaum aus der Hand legen kann.

Ich mag Kriminalromane, in denen auch die Ermittler Raum bekommen. Was andere langweilt, reizt mich hier gerade, ich möchte wissen, was in ihnen vorgeht, was sie antreibt und quält, mich interessieren ihre inneren Dämonen. Wer sind die, die ihnen nahe stehen, wie beeinflusst ihr Beruf das Familienleben? Bei Wagner spielt all dies eine Rolle, und er erzählt davon auf eine sehr gekonnte Art und Weise. Seine Figuren sind vielschichtig und ambivalent – auch die Ermittler sind alles andere als in sich ruhende sympathische Helden ohne Geheimnisse. Sie tragen an der Vergangenheit oder Gegenwart, müssen schwere Schläge verkraften.

Jan Costin Wagner verschränkt den Fall, der im Vordergrund steht, sehr gekonnt mit diversen anderen Themen und es sind solche, die beim Lesen durchaus deprimieren können. Neben dem Verschwinden des jungen Jannis und dem Kindesmissbrauch, um den es vor allem geht, stößt „Sommer bei Nacht“ noch auf einige andere Themenkomplexe, die vermutlich in den folgenden Bändern noch ausgearbeitet werden.

„Sommer bei Nacht“ überzeugt durch Wagners sehr durchdachte Sprache. Lange komplizierte Sätze sind nicht seine Sache, im Gegenteil, alles ist prägnant, kurz, oft ellipsenhaft. Der Autor erzeugt so eine sehr intensive Wirkung, wo man das Gegenteil erwarten könnte. Wenn er seine Protagonisten oftmals in Gedanken das soeben Gesprochene wiederholen lässt, so hat auch dies einen enormen Effekt, gibt es dem mehr oder weniger unbedacht Dahergesagten eine Schwere und Wichtigkeit, die es andererseits verdient, macht es die Tragweite dessen, was das Verschwinden von Jannis bedeuten könnte, spürbar.

„Sommer bei Nacht“ ist ein unbequemes Buch, eines, das beim Lesen unruhig werden lässt, eines, das bisweilen sehr hoffnungslos daherkommt, das deprimieren kann. Ein Buch über Versehrte, die in allen Teilen der Gesellschaft zu finden sind. Ein starker, psychologisch ausgefeilter Kriminalroman. „Sommer bei Nacht“ war mein erstes Buch von Jan Costin Wagner, doch ganz sicher nicht mein letztes.

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht, Verlag Galiani Berlin, 2020, 320 Seiten

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2 Antworten zu Das Grauen ist leise – Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich freue mich auf diesen Roman – meinen ersten von Wagner, den ich als Autor schon seit längerem lesen möchte. Dank Deiner tollen Besprechung ist die Freude um so größer. Ich mag Krimis, die über sich hinausführen, nicht nur die Tat erzählen, sondern weitere Themen behandeln. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Ja, mir ging und geht es auch so. Ich möchte auch unbedingt mehr von ihm lesen. Ich finde es wirklich beachtlich, wie Wagner einen mit reduzierten Mitteln in seinen Bann zieht. Viele Grüße!

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