Zwischen die Fronten – Ulla Lenze: Der Empfänger

Ulla Lenzes Roman „Die endlose Stadt“ gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern der letzten Jahre. Sie erzählt darin gekonnt und atmosphärisch sehr dicht von zwei Frauen in Istanbul und Mumbai auf der Suche nach Antworten, nach ihrem Weg in Leben, Liebe und Beruf. Dass ich Lenzes neuen Roman lesen würde, stand daher für mich fest, ganz gleich, womit er sich befassen würde. Und „Der Empfänger“, soeben bei Klett-Cotta erschienen, widmet sich denn auch einem gänzlich anderen Thema. Hier geht die Autorin zurück ins letzte Jahrhundert, in die Zeit zwischen den 20er und 50er Jahren, vornehmlich in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Inspiriert hat sie die Geschichte ihres Großonkels, die sie nicht nacherzählt hat, die dem Roman aber zugrunde liegt.

Lenzes Protagonist Josef Klein ist in den 20er Jahren in die USA ausgewandert, auf der Suche nach einem besseren Leben. Wie genau dies aussehen sollte, davon hatte er keine genauen Vorstellungen, doch wollte er dem engen Leben in Deutschland entfliehen. Amerika schien ihm alle Möglichkeiten dafür zu bieten. Er arbeitet dort zunächst in einer Druckerei, doch das Geld reicht schon bald nicht mehr aus. Als man darauf aufmerksam wird, dass Josef, genannt „Joe“, auch Amateurfunker ist, beauftragt man ihn damit, Zahlencodes nach Deutschland zu funken. Fragen zu stellen, ist ihm verboten und Josef tut dies auch nicht – es ist nicht ganz klar, ob er nicht wissen will oder wirklich nicht weiß, dass es patriotische Deutschamerikaner sind, die ihn dafür benutzen, für Nazideutschland zu spionieren. Die Lage wird mit der Zeit immer gefährlicher für ihn. Spätestens als er sich in Lauren verliebt, ändern sich die Dinge. Lauren begreift schnell, dass Josef sich auf gefährliche Leute eingelassen hat und will ihn dazu bringen, sich dem FBI zu stellen. Doch so einfach ist das nicht…

Ulla Lenze erzählt nicht chronologisch, sondern beginnt ihren Roman 1953 in Costa Rica, von wo Josef hofft, erneut in die USA einreisen zu können. Zuvor hatte er bei seinem Bruder Carl in Deutschland gelebt, der ihn nach dem Krieg aufgenommen hatte, doch das Zusammenleben war schwierig. Carl und Josef sind sehr unterschiedlich, und es steht viel Unausgesprochenes zwischen ihnen. Josef ist ein Einzelgänger und längst gewöhnt, dass er auf niemanden Rücksicht nehmen muss, eine Rücksicht, die Carl aber erwartet. Und Joseph fühlt sich in Deutschland einfach nicht mehr heimisch.

Lenze erzählt sehr unaufgeregt von ihrem Antihelden Josef, von dem man nie so genau weiß, ob er wirklich so einfach gestrickt ist, wie es manchmal wirkt. Offenbar ist es gar nicht so viel, was Josef vom Leben erwartet. Einen guten Job, Freiheit und ein bisschen Spaß. Eine Familie aber scheint er sich nicht zu wünschen, vielleicht ist er dafür auch zu eigenbrötlerisch.

Der Roman springt vor und zurück, vor allem zwischen der Zeit in den USA, wo es für Josef irgendwann bedrohlich wird, und den Wochen, die er nach dem Krieg bei Carls Familie verbringt. So vervollständigt sich das Bild nach und nach, wenn auch nicht alle Lücken geschlossen werden. Doch Lenze gelingt es gut, Josef zu charakterisieren, gerade auch durch das, was sie uns nicht erzählt.

„Der Empfänger“ widmet sich einem Thema, über das ich kaum etwas wusste und macht neugierig. Ulla Lenze regt dazu an, sich intensiver damit auseinanderzusetzen und gibt auch Lektüreempfehlungen im Anhang des Romans. Dass sie mit ihrem Thema einen Nerv trifft, wird auch dadurch deutlich, dass die Rechte zu „Der Empfänger“ schon in mehrere Länder verkauft wurden. Ihr Roman erzählt gekonnt und sprachlich so präzise wie behutsam von Spionage und Verstrickung und davon, wie sich das Persönliche und das Politische ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr voneinander trennen lassen, wenn der Auswanderer Josef unbedarft zwischen die Fronten gerät. Von den Auswirkungen, die eine vermeintlich kleine und unbedachte Entscheidung haben kann, von einem, der so fehlbar wie menschlich ist.

Eine weitere Stimme gibt es bei literaturleuchtet.

Ulla Lenze: Der Empfänger, Klett-Cotta Verlag, 2020, 302 Seiten

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