Neuanfang – Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

Im Angesicht des Todes lernt man das Leben erst richtig zu schätzen, so heißt es. Menschen, die eine Krankheit, einen Unfall oder vielleicht sogar einen Anschlag nur knapp überlebt haben, sagen oft, sie wollten nun bewusster und mehr im Jetzt leben, mehr genießen, nicht immer nur weit in die Zukunft schauen, sich an dem erfreuen, was sie haben. Ob das wirklich immer und jedem auch so gelingt, oder sich diese Vorsätze mit der Zeit abnutzen, ist schwer zu sagen. Simon Leyland, Hauptfigur in Pascal Merciers neuem Roman „Das Gewicht der Worte“ wird so etwas wie ein zweites Leben geschenkt, allerdings liegt der Fall bei ihm ein wenig anders.

Es ist noch nicht lang her, da wurde bei Leyland ein Gehirntumor diagnostiziert. Unheilbar, er habe nicht mehr viel Zeit, sagte sein Arzt. Für Leyland ein Schock. Er versuchte, so schnell wie möglich alles zu regeln, und plante, sich das Leben zu nehmen, bevor die Anfälle und Schmerzen zu schlimm würden. Seit dem Tod seiner Frau Livia leitete Leyland ihren Verlag in Triest. Er hatte sich die Entscheidung damals nicht leicht gemacht, arbeitete eigentlich nur als Übersetzer, bis Livia plötzlich starb. Nach der Diagnose verkaufte er den Verlag, verbrachte viel Zeit mit Freunden und mit seinen erwachsenen Kindern Sydney und Sophia. Bis plötzlich klar wurde, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hat, dass die Röntgenbilder, die man Leyland gezeigt hatte, nicht die seines Gehirns waren, sondern eines anderen.

Plötzlich hat Leyland wieder ein Leben – und kann nicht mehr zurück in sein altes. Aus dem Verkauf des Verlags hat er ein ansehnliches Vermögen, er möchte gern wieder übersetzen wie früher, doch zunächst einmal weiß er nicht, wie sein Leben weitergehen soll. In London hat er ein Haus geerbt, in das er einzieht, doch auch Triest läst ihn nicht los. Und so trifft er alte Bekannte und lernt neue Freunde kennen, verbringt Zeit mit Sydney und Sophia, die Beziehung zu ihnen bekommt eine neue Qualität. Beide stehen beruflich und privat an wichtigen Punkten, an denen sich einige Weichen für die Zukunft stellen. Und Leyland versucht, sich klarzuwerden darüber, was er mit der Zeit, die er glaubte, nicht mehr zu haben, anfangen soll.

„Das Gewicht der Worte“ ist ein Brocken, ein Roman von fast 600 Seiten, auf denen Mercier seinen Helden einen Prozess durchmachen und ihn reifen lässt. Dabei geht es immer wieder um Sprache und Wörter und hier auch um kleinste Kleinigkeiten. Man muss Gefallen daran finden können, wenn Leyland ausführlich darüber nachsinnt, ob in einem Satz in einer Übersetzung nun ein Komma steht oder nicht und genauestens eruiert, wie sich durch seine Entscheidung die Bedeutung verschiebt. Früher einmal hat Leyland sich vorgenommen, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden und so hat er sich auch in kleineren Sprachen einen Grundwortschatz angeeignet. Es ist die Liebe zur Sprache, zum Wort, vor allem zum geschriebenen, die im Roman immer wieder deutlich wird. Ein Roman für Leserinnen und Leser, die die Liebe des Protagonisten teilen.

Es sind aber nicht nur linguistische Fragen, sondern auch philosophische, die der Roman stellt. Leyland schreibt Briefe an seine tote Frau, wann immer er etwas verarbeiten muss oder er sich eine klarere Sichtweise wünscht. So sind diese Briefe wohl auch in erster Linie Auseinandersetzungen mit sich selbst.

Wenn das nun vielleicht etwas verkopft und blutleer klingen mag – das ist es nicht. Man kann dem Roman vorwerfen, dass all diese Menschen, die Leyland trifft in irgendeiner Form Intellektuelle sind, die ihr Tun ununterbrochen reflektieren, dass es zwar auch solche unter ihnen gibt, die sich schuldig gemacht haben, dass es dennoch aber alles freundliche, intelligente, sympathische und empathische Menschen sind. Man kann auch beanstanden, wie leicht das alles von statten geht, da werden Jobs und finanzielle Hilfen verteilt, ohne dass man länger darüber nachzudenken scheint und für alle und jeden scheinen sich die richtigen Türen zu öffnen. An diesem Punkt werden sich vermutlich die Geister scheiden, doch für mich waren all diese Episoden sehr stimmig, ein bisschen wie in einem modernen Märchen vielleicht. Und bei all diesen positiven Charakteren, die Leyland helfen, zu erkennen, welchen Weg er einschlagen möchte (und denen er im Gegenzug ebenfalls hilft), liegt dem Roman auch eine Schwere und Melancholie zugrunde, ist „Das Gewicht der Worte“ eine Geschichte voller Facetten.

Man merkt dem Roman stets an, dass sein Autor auch philosophische Werke veröffentlicht hat. „Das Gewicht der Worte“ ist die Geschichte des Neuanfangs eines Menschen, der die eigene Macht, über sein Leben entscheiden zu können, mit Vehemenz spürt. Eine Geschichte darüber, anderen zu helfen in einem Maß, das eigentlich eher unüblich ist. Eine fesselnde, kluge Geschichte, deren Protagonisten ich nach Ende der Lektüre nur ungern habe weiterziehen lassen.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte, Hanser Verlag, 2020, 576 Seiten

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2 Antworten zu Neuanfang – Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

  1. fraggle schreibt:

    Nun ja, ein bisschen verkopft ist es phasenweise schon, besonders die Charaktere sind es. :-) Aber es ist nichtsdestotrotz ein ganz wunderbares Buch. Erst vorhin sagte ich einer ganz zauberhaften Person am Telefon: „Sollte man mich mal zwingen auf einer einsamen Insel leben zu müssen, wohin ich nur zehn verschiedene Bücher mitnehmen dürfte, dann wäre „Das Gewicht der Worte“ eines davon.“

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    • letteratura schreibt:

      Ja, du hast recht :) Aber immerhin haben sie auch eine andere Seite. An einigen Stellen war mir das auch etwas zu viel, aber im Ergebnis fiel es für mich nicht ins Gewicht. Ich glaube, dass sich hier die Geister scheiden und viele das Buch hier vielleicht als zäh empfinden. Mir ging es nicht so.

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