Verpasste Chancen – Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Marianne hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Es ist nicht das erste Mal. Sie kommt in eine psychiatrische Klinik und ihre jugendlichen Töchter Edith und Mae werden zu ihrem Vater Dennis Lohmack geschickt, der ein berühmter Schriftsteller ist. Er hat die Familie schon vor vielen Jahren verlassen und keinen Kontakt zu seinen Töchtern gehabt. Die beiden sehen den unbekannten Vater denkbar unterschiedlich: Während Mae seine Nähe genießt und glücklich darüber ist, endlich einen Vater zu haben, gibt Edith ihm die Schuld am Zustand der Mutter und kann ihm nicht verzeihen, dass er damals ging. Ohne die Einzelheiten zu kennen, gibt sie Dennis die komplette Schuld, und dieser rechtfertigt oder erklärt nichts, sondern nimmt alles auf sich.

So richtig funktioniert das neue Zusammenleben nicht. Schließlich kommt es zum Bruch zwischen Edith und Dennis, während Mae für den Vater die Muse sein soll, die früher ihre Mutter für ihn war. Damals hatten die beide dafür verschiedene Rituale entwickelt. Nun soll Mae Dennis inspirieren und ihm helfen, seine Schreibblockade, in der er gerade steckt, zu überwinden, damit er seinen neuesten Roman zu beenden kann.

Katya Apekina lässt in ihrem Debütroman ihre Figuren selbst erzählen. In kurzen Kapiteln wechseln sich oft Mae und Edith ab, wobei Edith aus dem Jahr 1997 erzählt, in dem sich die Ereignisse abspielen, Mae aber aus einer Gegenwart irgendwann in den 2010ern, also mit deutlichem zeitlichem Abstand zum Geschehen. Im Laufe des Romans wird sich zeigen, dass das ein gelungener Kniff der Autorin ist, und dass gerade Mae dadurch vieles besser einordnen und auch verarbeiten kann. Denn leider wird das nötig sein, wenn ihre „Zusammenarbeit“ mit Dennis irgendwann außer Kontrolle gerät.

Es kommen aber auch viele andere zu Wort, zum Beispiel Amanda, eine Doktorandin, die über Dennis’ Werk promovieren möchte, sich aber schnell in den Kopf setzt, die neue Frau an seiner Seite zu werden. Lomack ist ein Womanizer, dem die Frauen zu Füßen liegen, doch geliebt hat er eigentlich nur seine Exfrau Marianne. Weitere Figuren sind Doreen, eine alte Freundin Mariannes, die sich nach deren Suizidversuch um alles gekümmert hat, obwohl sie es selbst nicht leicht hat, oder auch Charlie, Nachbar von Dennis, der für Edith eine entscheidende Rolle spielen wird, außerdem Charlies Schwester Rose, die sehr feine Antennen hat und die die „Zusammenarbeit“ zwischen Dennis und Mae misstrauisch beobachtet.

Die kurz gehaltenen Kapitel, die manchmal wie Zeugenaussagen in einem Prozess wirken, zeigen verschiedene Sichtweisen auf das Geschehen und unterschiedliche Perspektiven der einzelnen Beteiligten, was „Je tiefer das Wasser“ sehr kurzweilig und spannend lesbar macht. Ein treffendes Beispiel dafür ist Amanda, deren Außen- und Innensicht sich zwar voneinander unterscheiden, die aber dennoch ein durch und durch unsympathischer Charakter ist, deren Antrieb die Autorin überzeugend herausarbeitet.

Der Einzige, der nicht selbst zu Wort kommt, ist Dennis, sodass seine Figur immer ein wenig diffus bleibt, dadurch aber auch geheimnisvoll – er ist der erfolgreiche Schriftsteller, der nicht zu viel von sich preisgeben möchte, was seinem Image sicher guttut. Seine bewegte Vergangenheit, in der Dennis sich für die Rechte von Schwarzen eingesetzt hat, träg zu diesem Bild bei.

„Je tiefer das Wasser“ liest sich packend und unterhaltsam, wenn es vielleicht auch ein paar Themen zu viel sind, die die Autorin unbedingt in ihrem Roman unterbringen will, wodurch er ein wenig überfrachtet wirkt, und ich mich frage, ob die Autorin es übertreibt mit der Dramatik, ob die Geschichte irgendwann kippt, weil sie mir zu unrealistisch erscheint. Davon abgesehen, ist „Je tiefer das Wasser“ ein fesselnder Roman um die Beziehungen innerhalb einer Familie, verpasste Chancen und über die Frage, was Kunst darf und wo sie aufhört.

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser, aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit, Suhrkamp Verlag, 2020, 396 Seiten

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