Hermaphrodit – Jacqueline Thör: Nenn mich einfach Igel

Den eigentlichen Namen der Hauptfigur in Jacqueline Thörs Debütroman „Nenn mich einfach Igel“ erfahren wir nicht. Und da Igel aus der Ich-Perspektive erzählt, gibt es zu keinem Zeitpunkt eine Instanz, die Igel ein Personalpronomen zuordnet. Er ist weder Er, noch Sie, sondern gehört zu einem dritten Geschlecht. Und Igel möchte so genannt werden, weil er, sie in bestimmten Situationen die Stacheln ausfährt und den Kopf einzieht (auch im Roman werden die Pronomen Er und Sie oft aneinandergereiht, um deutlich zu machen, dass es weder um das eine, noch das andere geht).

Igel lebt im „Schloss“, und das nicht zum ersten Mal. Igels Mutter ist Alkoholikern und zum wiederholten Mal in einer Entzugsklinik. Im „Schloss“ ist Igel unter der Obhut von Louise, vielleicht so etwas wie eine Ersatzmutter. Igel ist allerdings kein Teenager mehr, sondern könnte wohl auch einfach allein zu Hause leben, bis zur Rückkehr der Mutter, hat sich aber dagegen entschieden.

Igel macht eine Ausbildung in einer kleinen, etwas speziellen Buchhandlung, die vor allem Klassiker führt. Igel kennt sich aus, denn er, sie hat sehr viel gelesen und kann die Kunden somit gut beraten. Sein, ihr Leben ändert sich, als Sascha ins Schloss kommt. Sascha, eigentlich Alexandra, war im Gefängnis, warum, weiß Igel nicht, doch beide kommen sich rasch näher. Sascha gehört zu einer Gruppe, die sich „Merkur“ nennt und deren Ziel es ist, dem dritten Geschlecht zu Gleichberechtigung zu verhelfen. Igel ist für die Gruppe etwas ganz Besonderes, denn schließlich ist Igel ein „echter“ Hermaphrodit, während all die anderen sich damit begnügen „müssen“, sich androgyn zu kleiden und zu stylen. Igel ist hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, endlich irgendwo verstanden zu werden und andererseits doch nicht wirklich dazuzugehören, denn Igel hat sich nicht ausgesucht, ein Zwitter zu sein.

Jacqueline Thör nähert sich in ihrem Debütroman „Nenn mich einfach Igel“ behutsam ihrer Hauptfigur, die ihren Platz sucht und der es vor allem schwerfällt, sich selbst zu akzeptieren. Igel hat schon viel Diskriminierung erfahren, passt in keine Schublade, was so viel einfacher wäre. Dieses Chaos, die Verzweiflung bringt die Autorin gekonnt zum Ausdruck. Für Igel ist der Neid der anderen schwer zu verstehen, denn er, sie wäre so viel lieber anders.

„Nenn mich einfach Igel“ ist ein Roman nicht nur, aber vor allem für jüngere Leser, eine Geschichte, die sensibilisiert für die Situation von Menschen, die als Hermaphrodit geboren wurden. Es ist ein schmales Buch, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Sprachlich empfand ich es bisweilen als etwas holprig und bin vor allem einige Male über die auf mich etwas steif und unecht wirkenden Dialoge gestolpert. Davon abgesehen ist „Nenn mich einfach Igel“ ein eindrücklicher Roman über ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit und vor allem Sensibilität verdient hat.

Eine weitere Rezension gibt es beim Leseschatz.

Jacqueline Thör: Nenn mich einfach Igel, ELIF Verlag, 2019, 200 Seiten

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2 Antworten zu Hermaphrodit – Jacqueline Thör: Nenn mich einfach Igel

  1. Hauke Harder schreibt:

    Moin und vielen Dank für den netten Link zum Leseschatz! Herzliche Grüße, Hauke

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