Im Vor-Trump-Amerika – Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

Barry Cohen, Hedgefonsmanager und Ehemann einer wunderschönen Frau mit indischen Wurzeln, schmeißt nach einem Streit hin und macht sich auf eine Reise mit dem Greyhoundbus quer durch die USA. Kurz zuvor haben Seema und er die Diagnose erhalten, dass ihr dreijähriger Sohn Shiva Autist ist. Beide schämen sich allerdings so sehr, dass es lange dauern wird, bis sie das anderen gegenüber zugeben können.

Barry glaubt, dass sein Leben in falschen Bahnen verläuft und hat sich in den Kopf gesetzt, seine Collegeliebe Layla aufzusuchen, um mit ihr ein einfacheres, ehrlicheres Leben zu führen. Eines mit den richtigen Werten, eines, in dem es nicht nur um Geld, Statussymbole und das Übertrumpfen anderer Reicher geht. Aus einer Laune heraus wirft er zu Beginn der Reise sein Handy weg, sein Bargeld schwindet schnell und seit langer Zeit muss er genau darauf achten, wie viel er ausgibt und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Das einzig Wertvolle, das er dabei hat, ist seine Sammlung teurer Uhren, an denen er sehr hängt.

Seema bleibt zurück mit der – wie sie es empfindet – schambehafteten Diagnose, dass ihr Sohn nicht „normal“ ist. Sie kann nicht anders, als ihn mit anderen zu vergleichen und sie stürzt sich in eine Affäre mit einem befreundeten Schriftsteller, der sie, so glaubt sie, besser versteht, als es Barry je getan hat.

In Gary Shteyngarts Roman „Willkommen in Lake Success“ lesen wir abwechselnd von Barry, irgendwo in unterschiedlichen Bussen, in einem Amerika, mit dem er nie, oder zumindest lange nichts zu tun hatte. Und von Seema daheim in einer Phase ihres Lebens, in der sich entscheiden muss, ob sie noch einmal neu anfangen kann.

Es ist das Vor-Trump-Amerika, das uns präsentiert wird. Barry bezeichnet sich als gemäßigten Republikaner und ist sich sicher, dass Trump die Wahl nicht gewinnen wird, sondern dass Hillary das Rennen machen wird. Die Stimmung im Land vor den Wahlen macht Shteyngart überzeugend deutlich, den Unglauben darüber, dass jemand wie Trump ins Weiße Haus einziehen könnte, den Umstand zum Beispiel, dass es erfolgreiche Frauen gibt, die für ihn sind, allein wegen seiner Steuerpolitik.

„Willkommen in Lake Success“ ist chaotisch und durchgehend auf die Spitze getrieben, gerade auch in der Zeichnung der Hauptfigur Barry, der ziemlich selbstgerecht zu jeder Zeit glaubt, anderen sagen zu können, was sie anders und besser machen sollten, während er selbst nicht bemerkt, dass er nicht mehr als ein Fähnchen im Wind ist, jemand, der seine Meinung über sich und das, womit bzw. mit wem er den Rest seines Lebens verbringen möchte, ständig ändert. Shteyngart lässt Barry in dieser Hinsicht einiges mitmachen, so dass die ständige Variation des eigentlich gleichen sich irgendwann ein wenig abnutzt.

Einige Szenen sind sehr gelungen, etwa, wenn der Autor Barry auf seiner Reise die unterschiedlichsten Begegnungen machen lässt und auf Menschen trifft, für den seine Auffassung, 30 Millionen Dollar seien nicht viel Geld (allerdings auch nicht wenig, immerhin) absurd und völlig abgehoben klingen muss. Insgesamt hätte man meiner Meinung nach an einigen Stellen kürzen dürfen. Barry ist keine Identifikationsfigur, aber immer sehr menschlich, das kann unangenehm sein, ist aber immerhin zumindest echt. „Willkommen in Lake Success“ ist insgesamt ein recht gelungener Roman über Amerika im Wahljahr 2016 und über einen, der für sich selbst herausfinden muss, ob er nun ein Gewinner oder ein Verlierer ist. Die Meinungen darüber gehen sicher auseinander.

Eine weitere Stimme zu dem Roman gibt es auf dem Feinen Buchstoff.

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success, aus dem Englischen von Ingo Herzke, Penguin Verlag, 2019, 432 Seiten

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4 Antworten zu Im Vor-Trump-Amerika – Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

  1. fraggle schreibt:

    Mir hat Shteyngarts Roman aber mal richtig gut gefallen, auch und gerade weil er eine Hauptfigur hat, der ich in dieser Form in der jüngeren Vergangenheit kein zweites Mal begegnet bin. Zwar kann ich über Barry Cohen nicht sagen, dass ich ihn mag, aber die Figur als solche übt eine gewisse Faszination, manchmal auch einen gewissen Ekel auf mich aus.

    Die Meinung, dass an einigen Stellen gekürzt werden könne, kann ich gut nachvollziehen. Insgesamt hatte ich den Wunsch nach Kürzungen selbst zwar nicht, war aber auch fast an dem Punkt angelangt, an dem ich dachte: „Nun übertreib es aber nicht, das hatten wir in ähnlicher Form schon mal.“

    Was den „gemäßigten Republikaner“ betrifft, so war diese Selbsteinschätzung Bestandteil meines Lieblingssatzes, in dem es sinngemäß hieß: „Ich bin gemäßigter Republikaner, mein Vater war gemäßigter Rassist.“ Ich hab sehr gelacht. :-)

    Gefällt 3 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ich glaube, die Geschichte war einfach nicht 100%ig meins, wobei mir der Roman im Großen und Ganzen schon gefallen hat. Für mich hat sich Manches einfach schneller abgenutzt, als es vermutlich für andere der Fall ist. Ja, das war ein schöner Satz, sowieso gab es ja einige absurde Stellen, die mir auch sehr gefallen haben.

      Gefällt 1 Person

  2. thursdaynext schreibt:

    Merci für die Verlinkung. Ich hätte gedacht, das Buch würde dir mehr zusagen. Für mich ist Barry übrigens ein Verlierer ;)

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Na ja, Hauptsache, er sieht selbst in sich etwas ganz Großes ;) Ich mochte es schon, ich fand nur, einiges wurde ein paar mal zu oft durchgespielt. Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

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