Glückssuche – Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte

Ásta wurde nach einer Figur aus einem Roman des großen isländischen Schriftstellers Halldór Laxness benannt. „Ást“ ist das isländische Wort für Liebe. Damit ist gleich zu Beginn von Jón Kalman Stefánssons neuem Roman „Ástas Geschichte“ klar, dass die Liebe in ihrem Leben, wie auch im Roman eine große Rolle spielt.

Ásta hat keinen besonders guten Start ins Leben: Ihre Mutter Helga verlässt sie, die Schwester und ihren Vater Sigvaldi, als die Mädchen noch sehr klein sind. Ásta wird von einer Ziehmutter aufgezogen, ihre Schwester kommt in eine Pflegefamilie. Sigvaldi heiratet später erneut. Als Jugendliche wird Ásta nach einem vermeintlich unangebrachten Verhalten als „schwer Erziehbare“ auf einen Hof geschickt, wo sie durch harte Arbeit auf den rechten Weg zurückgeführt werden soll. Es wird zu einer unerwartet glücklichen Zeit, da sie dort Jósef kennenlernt und sich in ihn verliebt. Später studiert sie, wird selbst Mutter, hat sexuelle Abenteuer mit Männern, die ihr zu Füßen liegen, da sie so schön ist, doch glücklich wird sie nicht.

Ásta sucht also nach Liebe und Glück, doch es ist eigentlich von vornherein klar, dass ihr Leben unter einem schlechten Stern steht.

„Ástas Geschichte“ wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, und man braucht ein bisschen, bis man die unterschiedlichen Erzählstimmen identifiziert und sich eingelesen hat. Ásta selbst schreibt Briefe an einen ehemaligen Geliebten, und ihr Vater Sigvaldi wirft seinen Blick zurück auf sein und ihr Leben, nach dem Sturz von einer Leiter, von dem er sich nicht mehr erholen wird. Über allem schwebt eine tiefe Melancholie, und man bildet sich ein, dass das zu einem kleinen, dünn besiedelten und verregneten Land wie Island passt.

Stefánsson nimmt sich also viele Freiheiten, springt vor und zurück und bringt jede Menge Lebensweisheiten unter in seinem Roman, von denen einige treffend und sprachlich gelungen sind, Anderes wirkt leider eher banal und auch kitschig. Generell hat der Roman seine Längen, denn viel Stoff ist in der Geschichte eigentlich gar nicht unterzubringen. Mit der Zeit immer negativer fielen mir die zahlreichen sehr direkten und teils derben Sexszenen auf, die für die Geschichte nicht notwendig sind und die leider oft auch eher gestelzt und mechanisch daherkommen, und die meines Erachtens nicht dazu beitragen, Ásta als die sinnlich-freizügige junge Frau zu zeichnen, die sich nimmt, was sie möchte und die jedes Recht dazu hat.

Ich habe schon zwei weitere Romane Jón Kalman Stefánssons gelesen und vor allem „Fische haben keine Beine“ habe ich in allerbester Erinnerung. Bei „Ástas Geschichte“ bin ich zwiegespalten, sprachlich überzeugt der Roman nur teilweise und mir fehlte irgendwann die Dringlichkeit, den Roman unbedingt weiterlesen zu müssen, weshalb die Lektüre dann auch einige Zeit in Anspruch nahm. Die eigentliche Handlung hätte auf deutlich weniger Seiten Platz gehabt. Für mich eine eher durchwachsene Leseerfahrung. Weitere Besprechungen gibt es bei Zeichen und Zeiten und bei literaturleuchtet.

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte, aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig, Piper Verlag, 2019, 464 Seiten

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2 Antworten zu Glückssuche – Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte

  1. marinabuettner schreibt:

    Mich haben genau diese Sachen auch gestört. Gut zu hören.
    Viele Grüße!

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