Kunst und Künstlichkeit – Madame Nielsen: Das Monster

Ein namenloser Protagonist macht sich im Jahr 1993 auf nach New York. Er hat fast nichts bei sich, wenig Geld, lediglich eine Liste mit Namen und Telefonnummern von Leuten, bei denen er übernachten kann. Fremde, die er nicht kennt. Doch zunächst einmal begibt er sich zu der Performancegruppe „The Wooster Group“ um Willem Dafoe, der sein Vorbild ist. Er beobachtet die Proben der Gruppen, mischt sich ein, doch eigentlich interessiert niemanden der Anwesenden, was er zu sagen hat. Er wird geduldet, jedoch nicht in die Gruppe aufgenommen.

Abends dann wählt er die Nummern auf seiner Liste und erreicht schließlich jemanden, nachdem die ersten Versuche erfolglos blieben. Eine theatralische Stimme meldet sich und fragt, was er wolle, schließlich macht er sich auf den Weg zu der angegebenen Adresse, wo er von zwei älteren Zwillingen, Bruce und Jerry empfangen wird, die ein seltsames Ritual mit ihm durchfuhren und Sex mit ihm haben. Am nächsten Morgen sind sie verschwunden und der Protagonist findet sich in ihrer Küche wieder, wo ein Frühstück auf ihn wartet und er auf das Bild aufmerksam wird, das auch auf dem Cover des Romans zu sehen ist: zwei kleine Jungen, also wohl Bruce und Jerry, an der Hand von einer Frau und einem Mann, sicherlich ihren Eltern. Er denkt lange über das Foto nach, verlässt schließlich die Wohnung und geht wieder zur Performance Group. Seine Tage wiederholen sich so oder sehr ähnlich. Wie in einer Endlosschleife ist er tagsüber bei der Performance Gruppe und kehrt abends zu den Zwillingen zurück, obwohl er sich vornimmt, es nicht zu tun.

Der neue Roman „Monster“ von Madame Nielsen, ebenfalls Performancekünstlerin, die hier wohl zumindest zum Teil auch selbst Erlebtes verarbeitet, ist mysteriös und verwirrend. Ganz sicher ist die Geschichte eine Spielerei mit postmodernen Ideen, denn wie auch die Performance Group, die die Hauptfigur besucht, lässt Madame Nielsen ihre Leserinnen und Leser mit ihrem Werk ziemlich allein bzw. überlässt ihnen die Interpretation komplett, ohne ihnen viel an die Hand zu geben. Das kann reizvoll sein, hier war es mir persönlich zu konfus und vage, wenn ich dem Roman auch zugestehen muss, dass er ohne Zweifel verstörend und faszinierend ist. Die Geschichte selbst scheint sehr in den Hintergrund zu rücken, es sind eher Stimmungen, Gedanken, es ist die – nicht unbedingt positive – Atmosphäre, die das Buch ausmacht.

Alle Dialoge, die der Protagonist, vor allem innerhalb der Gruppe, führt, werden komplett auf Englisch wiedergegeben. Ein Blick in das dänische Original würde wahrscheinlich offenbaren, dass es dort genauso gehandhabt wurde, jedoch wirkt diese Entscheidung auf mich aufgesetzt und künstlich – was sicher genauso gewollt ist, mich aber auf die Dauer eher genervt hat. Die meisten Leser werden zwar mit der hier nicht sehr schwierigen Sprache wahrscheinlich keine Probleme haben, dennoch frage ich mich, ob man die benötigten englischen Sprachkenntnisse einfach so voraussetzen kann.

„Das Monster“ ist ein spezielles Buch, eines, bei dem der Aufbau sicher noch einmal wichtiger ist, als bei anderen Romanen, da alles eine große Inszenierung ist bei Madame Nielsen. Ein kurzes Video, in dem die Autorin ihr Buch vorstellt, festigt den Eindruck, dass es wahrscheinlich wirklich ein Erlebnis ist, sie zu sehen und zu erleben. Zu ihrem neuen Roman konnte ich aber leider keine Verbindung aufbauen, zu künstlich, zu aufgebauscht, zu vage ist mir die Geschichte.

Madame Nielsen: Das Monster, aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2020, 240 Seiten

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