Lebenswege – Regina Porter: Die Reisenden

„Die Reisenden“, den Titel ihres Romans nimmt Regina Porter ernst, wenn auch im übertragenden Sinne. Wir alle sind schließlich Reisende, Lebensreisende sozusagen. Porter betrachtet die Leben ihrer Figuren als Reisen und konzentriert sich dabei auf den Weg, den Fluss.

Zwei Familien stehen in Porters Roman im Mittelpunkt, eine ist schwarz, die andere weiß. Dankenswerterweise befindet sich hinten im Buch eine Auflistung der Figuren, die ich gerade in der ersten Hälfte des Romans des Öfteren konsultiert habe, um mich zu vergewissern, mit wem ich es gerade zu tun habe bzw., wichtiger noch, wie die Figuren miteinander in Verbindung stehen. Das war auch deshalb nötig, weil Porter nicht chronologisch erzählt, sondern hin und her springt, sich wichtige Episoden im Leben ihrer Protagonisten heraussucht, und dabei manchmal weit zurückgeht in die Vergangenheit, dann wieder bis fast in die Gegenwart hinein.

Verbunden sind die Familien deshalb miteinander, weil Rufus, Sohn von James Vincent Senior, auch der „alte weiße Mann“ genannt, Claudia Christie heiratet, zweite Tochter von Agnes und Eddie, und eben schwarz. Die Hautfarben der Protagonisten werden, und das kann gar nicht anders sein, immer miterzählt, wenn auch eher selten der Finger ganz eindeutig auf den bestehenden Rassismus gelegt wird. Eine Szene gibt es jedoch ziemlich zu Anfang des Romans, die den Roman ein wenig überschattet, die immer mitschwingt, die weitreichende Folgen hat, die beim Lesen spürbar sind.

Regina Porter fängt ihre Figuren also in den unterschiedlichsten Episoden ihres Lebens ein, verlässt sie dann wieder, um vielleicht noch einmal zu ihnen zurückzukehren, vielleicht auch nicht. Auf diese Weise erzählt sie über ein halbes Jahrhundert Geschichte gleich mit, beispielsweise sind der Vietnamkrieg, aber auch der Fall der Mauer, wenn auch eher nebenbei, Thema. Vor allem bleibt sie immer sehr nah bei ihren Figuren, die man gern begleitet auf ihrer Reise. Porter schreibt lebendig und unterhaltsam und bringt ihre Themen so spielerisch unter, dass „Die Reisenden“ trotz auch schwerer, trauriger Episoden stets eher leicht daherkommt.

Es geht dabei immer wieder um die Beziehungen innerhalb der Familie, um die unterschiedlichen Erfahrungen, auch im Zusammenhang mit der Hautfarbe. Es geht um gleichgeschlechtliche Beziehungen, um Betrug und Geheimnisse, aber auch ganz einfach um Liebe und die Entscheidung für eine Person und eine Art zu leben. Um den Trost, den Literatur spenden kann und um den Weg, Erlittenes zu verarbeiten. In den Text eingefügt sind Fotografien und Bilder aus der Zeitgeschichte und man kann auch noch dazu lernen, beispielsweise hatte ich noch nie von Bessie Colman, der ersten afroamerikanischen Pilotin gehört, die für eine Figur im Roman eine wichtige Rolle spielt.

Regina Porters „Die Reisenden“ ist ein schillernder Roman, gefüllt mit der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrungen und Emotionen. Eine Geschichte über das, womit wir hineingeboren werden in das Leben und das, was wir daraus machen. Natürlich auch über Rassismus, wenn auch meist nicht vordergründig, sondern eher mitschwingend (mit Ausnahmen). Ein höchst unterhaltsamer und dabei sehr kluger Roman, ein gelungenes Debüt.

Regina Porter: Die Reisenden, aus dem amerikanischen Englisch von Tanja Handels, S. Fischer Verlag, 2020, 384 Seiten

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4 Antworten zu Lebenswege – Regina Porter: Die Reisenden

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Eine ganz wundervolle Besprechung, die das Interesse weckt. Der Roman liegt schon bereit. Viele Grüße

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  2. Leseseiten schreibt:

    Da schließe ich mich an! Deine Besprechung hat mein Interesse geweckt. Vielen Dank!

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