Zwei Schwestern – Liz Moore: Long Bright River

Michaela, Anfang 30 und von allen nur „Mick“ oder „Mickey“ genannt, ist Streifenpolizistin in Philadelphia. Längst hätte sie die Prüfung zum Detective machen können, doch es gibt einen Grund, dass sie das nicht getan hat: Ihre Schwester Kacey, die als Drogensüchtige und Prostituierte auf der Straße lebt, und die Mick durch ihren Job im Auge behalten kann. Die beiden haben seit fünf Jahren nicht mehr miteinander geredet, doch Mickey fühlt sich verantwortlich und macht sich Sorgen um die jüngere Schwester, die sie, das kommt noch hinzu, nun schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hat. Mickey weiß, das kann das Schlimmste bedeuten.

Mickey und Kacey hatten keinen guten Start ins Leben: Ihre Mutter, selbst drogenabhängig, starb, als die beiden noch sehr klein waren. Sie wuchsen bei ihrer Großmutter Gee auf, die sie immer spüren ließ, dass die beiden Mädchen eine Belastung für sie waren und die mit ihnen eigentlich überfordert war. Kacey geriet früh auf die schiefe Bahn, während Mickey versuchte, alles anders und richtig zu machen, doch auch sie traf falsche Entscheidungen.

Liz Moore lässt in ihrem Roman „Long Bright River“ Mickey aus der Ich-Perspektive erzählen. Von ihrem Job als Polizistin, dem Alltag auf der Straße, der Zeit mit ihrem langjährigen Partner Truman, der nach einem Angriff im Dienst nicht mehr arbeitet. Von der Jagd nach einem Serienmörder, der es auf Prostituierte abgesehen hat, so dass Mickey noch mehr Angst um ihre Schwester hat, als ohnehin schon. Und von der Vergangenheit, den Eltern, an die sie sich kaum erinnert, der Zeit mit Gee. Und von der Zeit später, als sie und Kacey langsam erwachsen wurden und die Weichen dafür gestellt wurden, dass die eine auf der Straße landete, die andere im Polizeidienst. Moores Protagonistin Mickey ist Sympathieträgerin mit Fehlern, oft hitzköpfig-impulsiv, immer beim Versuch, alles richtig zu machen, auch bei der Erziehung ihres kleines Sohnes Thomas, der bei ihrem stressigen Job oft zu kurz kommt. Mickey führt uns durch die Geschichte, lässt die Leser sehr nah herankommen an die Geschehnisse, aber vor allem auch an ihre Gedanken, Gefühle, und nicht zuletzt an ihr Gewissen.

So ist „Long Bright River“ einerseits die Geschichte zweier Schwestern und ihrer komplizierter Beziehung zueinander. Es ist auch eine Sozialstudie, eine Studie des rauen Lebens auf der Straße, eine Geschichte über das trostlose Leben von Junkies und die geringen Chancen, aus der Sucht wieder herauszukommen. Spannend wird der Roman durch die Krimihandlung, denn der Serienmörder könnte es auf Kacey abgesehen haben und er scheint auch Mickey selbst gefährlich nah zu kommen. Mickey weiß irgendwann nicht mehr, wem sie trauen kann. Ist es möglich, dass ihr nahe stehende Menschen mit den Mordfällen zu tun haben könnten?

„Long Bright River“ ist auf Spannung ausgelegt, zwar auf durchaus konventionelle Weise, doch Moore gelingt es, dass man atemlos immer weiter liest, auch wenn man manches vielleicht doch erahnen kann, nicht jede Wendung komplett unerwartet kommt. Der Roman spart auch nicht an Theatralik, an Abgründen, doch es ist eben eine dramatische Geschichte, die Mickey widerfährt, es eine dramatische Vergangenheit, auf die sie zurückblickt. Ich habe mit ihr mitgelitten, war gefesselt und habe „Long Bright River“ in kürzester Zeit gelesen, weil die Spannung immer hoch bleibt. Ein hochunterhaltsamer Roman zum Mitfiebern.

Liz Moore: Long Bright River, aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, C.H. Beck Verlag, 2020, 414 Seiten

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