Livingstone kehrt heim – Petina Gappah: Aus der Dunkelheit strahlendes Licht

Der schottische Missionar David Livingstone, der sich im 19. Jahrhundert in Afrika der Erforschung der Nilquellen verschrieben hatte, starb im Jahr 1873 auf ebendieser Suche und nachdem er ein Massaker miterlebt hatte, das ihn sehr erschütterte. Livingstone hatte eine treue Gefolgschaft und diese beschloss nach dessen Tod, den Leichnam Livingstones „heimzubringen“, das heißt einmal quer durch Afrika, an die Ostküste, wo er von seinen Landsmännern in Empfang genommen werden und auf seine letzte Reise gebracht werden sollte. Seine sterblichen Überreste liegen heute in Westminster Abbey.

Doch nur zum Teil, denn sein Herz begraben Livingstones Anhänger zu Beginn von Petina Gappahs Roman „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ gleich an Ort und Stelle. Die Köchin Halima hat die Idee, die Leiche dann erstmal zu trocknen und so zu konservieren, damit es überhaupt möglich ist, mit ihr die monatelange Reise anzutreten. Halima ist auch eine von zwei Erzählstimmen im Roman, eine resolute, selbstbewusste Frau, die redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist und die zu allem und vor allem jedem eine dezidierte Meinung hat.

Der zweite Erzähler ist Jacob Wainright, ein Mann, der als Kind der Sklaverei entkam und später Missionar wurde. Er schreibt auf der monatelangen Reise durch den Kontinent Tagebuch und erzählt sehr lebendig von den Gefahren, denen die Gruppevon außen ausgesetzt ist, aber auch von einzelnen Teilnehmern, von Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Natur. Und von seiner Sicht auf die Dinge, wobei er sich nicht immer von einer sympathischen Seite zeigt, sondern sich vor allem als Beispiel für einen gottesfürchtigen – und manchmal ziemlich selbstgerechten – Menschen präsentiert, bis ihm seine eigene „Menschlichkeit“ dann irgendwann dazwischenkommt.

Gappah gelingt die Zeichnung dieser beiden Figuren, aber auch all der anderen ganz wunderbar, und in dem, was sie sagen bzw. niederschreiben, steckt viel mehr als das. Es offenbaren sich Vorurteile und kulturelle Unterschiede und es sind ganz einfach komplexe Figuren mit der ganzen Bandbreite von positiven und negativen menschlichen Eigenschaften. Ganz nebenbei wird eine neue, andere Sicht auf den Kolonialismus gezeigt, als die, von der wir normalerweise lesen. Gappah fasziniert David Livingstone schon seit ihrer Jugend und an „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ hat sie zwanzig Jahre lang gearbeitet und intensiv recherchiert. Diese Recherchearbeit merkt man dem Roman an, jedoch nicht, weil er überfrachtet wäre oder sie dem Reiz erläge, allzu offensichtlich Fakten um ihrer selbst willen einzubauen. Ihr Roman liest sich lebhaft und dennoch lehrreich.

Dass ich dennoch nicht total mitgerissen wurde von Gappahs Geschichte, einige Kapitel als etwas langatmig empfand, liegt wohl daran, dass es bei dieser Wanderung eben keinen großen Spannungsbogen gibt, dass es eher Episoden sind, die erzählt werden. Das kann bei dieser Art Geschichte aber auch gar nicht anders sein. „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ ist ein sehr differenzierter, lebendiger und lehrreicher Roman, der die Lektüre lohnt.

Weitere Besprechungen bei literaturreich und Buch-Haltung.

Petina Gappah: Aus der Dunkelheit strahlendes Licht, aus dem Englischen von Anette Grube, S. Fischer Verlag, 2019, 24 Euro

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