Die Leere füllen – R. O. Kwon: Die Brandstifter

Beide Hauptfiguren im gelungenen Debütroman „Die Brandstifter“ von R. O. Kwon sind Verlorene, Einsame, die ihren Platz suchen an der amerikanischen Eliteuniversität, an der sie sich begegnen. Phoebe, gebürtige Südkoreanerin, die eine schwere Last mit sich herumschleppt. Ihre Mutter starb bei einem Unfall, für den sie sich die Schuld gibt. Zu ihrem Vater hat sie kaum Kontakt. Will dagegen kommt aus einfachen Verhältnissen und kann finanziell mit seinen Mitstudenten nicht mithalten. Er jobbt als Kellner und versucht, seine Lage vor den anderen geheimzuhalten. Auch Phoebe lügt er an. Das wird zu Schwierigkeiten führen.

Dennoch werden die beiden ein Paar. Unterschiedlich wie sie sind, finden sie sich trotzdem schnell, da sie sich von den anderen unterscheiden. Die beiden bilden eine Einheit, fühlen sich gemeinsam stark, aber ihn fehlt auch etwas. Sie finden verschiedene Wege, ihre Leere zu füllen.

Phoebe wird von John Leal angesprochen, einer Art Guru, über dessen Vergangenheit verschiedene Geschichten kursieren. In Nordkorea soll er gewesen sein, schlimmes Leid erfahren haben. Und irgendwie muss ihn das zu dem gemacht haben, der er heute ist. Nun reiht er eine Gruppe junger Studenten um sich, lehrt sie über sein Glaubensverständnis, bringt sie dazu, ihr Innerstes vor der Gruppe zu entblößen. Es kommt zu Protesten gegen Abtreibungskliniken. Dass diese Proteste nicht friedlich bleiben, ist von Beginn des Romans an klar.

Abwechselnd lesen wir von Phoebe, Will und John Leal, wobei letzterer die am schwersten fassbare Figur bleibt. Das muss auch so sein, denn so überträgt sich das Geheimnisvoll-Beängstigende, das seine Anhänger anzieht und Will misstrauisch macht, ebenso auf die Leserinnen und Leser. Will muss mit ansehen, wie seine Freundin sich von ihm entfernt und John Leal und seine Sekte mehr und mehr Mittelpunkt ihres Lebens werden. Er möchte der Gruppe ebenfalls eine Chance geben, versucht, sich auf sie einzulassen. Als Kind war Will gläubig, hat seinen Glauben aber längst verloren.

Der Roman lässt viel im Unklaren. Vor allem, wenn wir von Phoebe lesen, wechselt die Perspektive manchmal kaum merklich von einer Außen- zu einer Innensicht. Es wimmelt nur so von Leerstellen und Andeutungen und alles konzentriert sich sehr stark auf Phoebe und auf Wills Versuche, seine große Liebe nicht an die Sekte zu verlieren, wobei er selbst einige Fehler macht. Gerade das Ungenaue, das dem Roman seine etwas diffuse Stimmung verleiht, in der man immer das wage Gefühl hat, dass etwas Dunkles, Unheilvolles in der Luft liegt, macht die Geschichte enorm eindringlich und spannend, auch wenn das Ende quasi am Anfang vorweggenommen wird.

Es ist nicht leicht, diesen jungen Menschen beim Straucheln zuzusehen, bei den Versuchen, ihr Leben mit Sinn zu füllen. Zu lesen, wie ein Guru durch geschickte Manipulation seine Jünger um sich schart, die irgendwann alles tun, was er ihnen einflüstert – in der Überzeugung, die Ideen dazu kämen von ihnen selbst.

R.O. Kwon erzählt subtil, klug und sprachlich ausgefeilt davon, wie Radikalisierung vonstatten gehen kann, und zwar auch in der Schicht der finanziell unabhängigen Studenten, die, so könnte man meinen, alles haben. Dennoch suchen sie nach Antworten und sind empfänglich für einen, der weiß, welche Knöpfe er bei ihnen drücken muss, damit sie ihm uneingeschränkt folgen. Mich hat dieser Debütroman sehr beeindruckt.

R.O. Kwon: Die Brandstifter, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Liebeskind Verlag, 2019, 240 Seiten

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