Gelebte Melancholie – Jon Fosse: Der andere Name

Jon Fosses „Der andere Name“ war meine erste Begegnung mit dem Werk des Autors, der vor allem in Norwegen, aber auch bei uns bekannt ist für seinen reduzierten Stil. Zum Norwegen-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr brachte der Rowohlt Verlag mit „Der andere Name“ die ersten beiden Teile einer Heptalogie heraus.

Ich gestehe, dass Fosses Art zu erzählen mit nicht sofort zugeflogen ist und ich mich immer wieder schwer tat mit dem Buch, obwohl ich andererseits von vornherein wusste, dass das sehr gut ist, was ich da lese und auch, dass „Der andere Name“ ein Werk nach meinen Vorlieben ist. Ein stiller Roman, der von seiner besonderen Sprache bzw. seinem Stil lebt, der seinen Leserinnen und Lesern Raum lässt, um Unscharfes ganz individuell zu verstehen. Dabei ist der Roman alles andere als schwer lesbar, obwohl Fosse keinen einzigen Punkt setzt und „Der andere Name“ im Prinzip aus einem einzigen Satz besteht (wobei es in der wörtlichen Rede Fragezeichen gibt, die kleine Zäsuren darstellen).

Erzählt wird von Asle, einem alten Maler, der ein zurückgezogenes Leben führt und um seine Frau trauert, die vor ein paar Jahren gestorben ist. Seine Tage verlaufen nicht besonders spektakulär. Kontakt hat er zu seinem Nachbarn Åsleik sowie zu seinem Namensvetter Asle, ebenfalls Maler und alkoholabhängig. Dieser wohnt in der Stadt, in der sich auch die Galerie befindet, in der Asle einmal jährlich seine Bilder ausstellt. Immerhin verkaufen sie sich so gut, dass er davon leben kann.

Wir Leser befinden uns wie in Asles Gedanken, als der aus dem Haus geht und ein junges Paar beobachtet, eines, das ihn wohl an sich und seine Frau erinnert, an seine Ehe, die glücklich gewesen sein muss, wobei darüber nicht viele Worte gemacht werden. Wir lesen, wie er dann den anderen Asle besucht, um den er sich kümmern muss, als der auf der Straße stürzt und ins Krankenhaus kommt, während sein Hund Brage zunächst allein in der Wohnung bleibt. Er begegnet einer Frau, die er von früher kennt, obwohl er sich nicht recht erinnert – oder sich nicht erinnern will. Über allem schwebt eine tiefe Melancholie, wird die Müdigkeit oder vielmehr die Erschöpfung dieses stillen Helden spürbar, der mit einem Kopf voller Gedanken nicht schlafen kann. Immer wieder gibt es auch Rückblenden in die Kindheit Asles, der Szenen mit seiner Schwester wieder erlebt, so weit weg, als wäre es ein anderes Leben.

Asles Gespräche mit anderen wirken teils naiv, wie sie alle das Offensichtliche aussprechen und sich dazu noch immer wieder wiederholen, das Gesagte bestärken, wo eine Bestärkung streng genommen nicht nötig wäre. Doch hier wirkt das Stilmittel sehr gut, trägt zur Stimmung bei und lädt dazu ein, zwischen den Zeilen zu lesen. Fosses Sprache hat einen ganz besonderen Rhythmus, den Hinrich Schmidt-Henkel ausgezeichnet ins Deutsche gebracht hat, sodass man bei der Lektüre nach einigen Seiten stets wie von selbst in den Fluss kommt und sich einfach immer weitertragen lässt in Asles Geschichte, die so unspektakulär daherkommt. Asles Beziehung zur Religion und zu Gott spielen dabei eine große Rolle, verleihen dem Roman eine weitere, mystische Facette.

So klingt Jon Fosses „Der andere Name“ einige Tage nach Beenden der Lektüre noch in mir nach und meine kleinen Schwierigkeiten mit dem Roman sind wie vergessen. Ich bin sehr neugierig geworden auf die anderen Werke des Autors und vor allem darauf, wie der Romanzyklus, die Heptalogie weitergeführt werden wird. Ein stiller, melancholischer, ein starker Roman.

Weitere Besprechungen gibt es bei literaturleuchtet und Bookster HRO.

Jon Fosse: Der andere Name, Heptalogie I-II, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt Verlag, 480 Seiten

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7 Antworten zu Gelebte Melancholie – Jon Fosse: Der andere Name

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich warte sehnsüchtig auf den nächsten Band …
    inzwischen tröste ich mich mit Dag Solstad. Leider habe ich da auch schon fast alle durch.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Zum Glück gibt es ja noch Anderes… ;) Sind die Bücher von Solstad alle ähnlich? Ich kenne ja nur T. Singer.

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      • marinabuettner schreibt:

        Ja. Sie sind ähnlich. Immer irgendwie schrullige männliche Protagonisten. Ich lese gerade eins hinter dem anderen weg und liebe es. Von Fosse habe ich ja schon sehr viel gelesen. Seine Theaterstücke lesen mag ich nicht. Hoffe immer, dass mal wieder was in Berliner Theatern gespielt wird.

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      • letteratura schreibt:

        Ja, das würde mich auch interessieren!

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  2. wortumhuellt schreibt:

    Hey :) schöne Rezension. Ich werde immer ganz gespannt bei Büchern, die so reduziert schreiben. Mit wenig viel zu sagen, ist nämlich wirklich eine Kunst. Und dann dieser Gedanke, dass das Buch letztlich aus einem Satz besteht. Wow!
    Alles liebe
    Marleen

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  3. Constanze Matthes schreibt:

    Ich werde das Buch auch noch lesen und bin sehr gespannt. Die Buchmesse und ein Interview mit Fosse im Norwegen-Pavillon haben damals mein Interesse geweckt. Viele Grüße

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