Vier Töchter und ein verlorener Enkel – Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten

Der größte Spaß, das sind vielleicht die Kinder, die vier Töchter Davids und Marilyns. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht sind sie füreinander doch selbst der größte Spaß, denn David und Marilyn führen eine glückliche Ehe, sind seit fast 40 Jahren verheiratet und lieben sich immer noch sehr. Dass es auch in ihrer Beziehung schwierige Zeiten gab, ihre Ehe nicht perfekt ist, das scheint außer ihnen niemand zu bemerken oder zumindest nicht gravierend zu finden.

Da ist zunächst einmal die Älteste, Wendy, ungeplant kam sie zur Welt, als David und Marilyn noch nicht lang verheiratet waren, und kurz darauf wurde Marilyn bereits mit Violet schwanger. Wendy und Violet sind im gleichen Jahr geboren. Charakterlich verschieden, doch sie sind sehr eng, fast wie Zwillinge aufgewachsen. Mit einigem Abstand kam dann Liza und dann noch einmal nach einigen Jahren die Jüngste, Grace, das einzige Wunschkind.

Zu Beginn des Romans heiratet Wendy den um einige Jahre älteren Miles, und auf dem Fest passiert etwas, das für die Geschichte wichtig sein wird, doch zunächst einmal ist diese Szene nur eine Momentaufnahme und wir springen in die Gegenwart im Jahr 2017. Wendy lebt allein, zwar reich, aber unglücklich. Violet ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, Liza hat beruflich Erfolg, führt aber eine schwierige Beziehung mit dem depressiven Ryan. Und Nesthäkchen Grace lebt fern der Familie ein einsames Leben und scheut sich, sich der Familie anzuvertrauen.

Der Roman springt nun immer hin und her, zwischen der Gegenwart im Jahr 2017 und zurück in die Vergangenheit, die chronologisch in Schlaglichtern vom Jahr 1975 an erzählt wird und von wichtigen Episoden im Leben von David, Marilyn und den Kindern berichtet. Zunächst einmal ein recht konventioneller Aufbau, doch Lombardo hat ihre Geschichte stets im Griff und erzählt gekonnt von den Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern und ihren Problemen. Eine echte Herausforderung kommt auf alle zu, als Wendy Jonah aufspürt, den 15-jährigen Sohn Violets, den diese heimlich zu Welt gebracht und dann gleich zur Adoption freigegeben hat. Wendy war die Einzige, die davon wusste.

Claire Lombardos Charaktere sind allesamt schlüssige Figuren und der Autorin in ihren Eigenheiten sehr gut gelungen. Und auch die Beziehungen zwischen ihnen überzeugen, sowohl die zwischen den Schwestern als auch zwischen ihnen und den Eltern. Das schwierige Verhältnis zwischen Marilyn und Wendy zum Beispiel, das seinen Ursprung in Wendys Jugend hat, sich aber inzwischen weitgehend normalisiert hat. Die enge Bindung zwischen Wendy und Violet, die fast einer Hassliebe gleicht, denn beiden konkurrieren wenig versteckt miteinander, werfen sich schlimme Dinge vor und sind sich letztlich doch sehr nah. Lizas Not, als sie es lange nicht schafft, sich mit ihren Problemen den Eltern anzuvertrauen und Grace, die bis zu Jonahs Auftauchen immer die Jüngste in der Familie war und die auch deshalb nicht recht erwachsen werden kann, weil ihre Familie sie immer noch als Kind sieht. Über allem stehen Marilyn und David, die den Töchtern eine Beziehung vorleben, die diese glauben, niemals in ihrem eigenen Leben erreichen zu können. Besonders gelungen empfand ich die Darstellung Davids, des einzigen Mannes in dieser Familie, sieht man vom neuen, unerwarteten Enkel Jonah einmal ab, den er denn auch verständlicherweise (doch nicht nur wegen seines Geschlechts) ins Herz schließt.

Lombardo springt hin und her zwischen ihnen, macht die Beziehungen deutlich, erzählt enorm unterhaltsam und doch klug und differenziert von diesen Menschen. Der Roman ist ein echter Wälzer, doch spätestens auf der Hälfte gab es für mich kein Halten mehr, da er einen enormen Sog entwickelte und ich immer weiter und weiter lesen musste, obwohl es eigentlich immer nur noch ein Kapitel sein sollte. Der Roman ist schnell und abwechslungsreich, er lässt auch Trauriges nicht aus, lebt von seinen gelungenen Dialogen und den Figuren, die man schnell ins Herz schließt. Das alles ist sehr souverän erzählt und fühlt sich tatsächlich beim Lesen manchmal so an wie eine Netflix-Serie. So ist es auch nicht verwunderlich, dass eine Serienadaption des Stoffes schon angekündigt wurde (zwar nicht von Netflix, sondern von HBO), man darf also gespannt sein. „Der größte Spaß, den wir je hatten“ ist ein leichtfüßiges, lesenswertes Debüt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen und Zeiten.

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten, aus dem amerikanischen Englisch von Sylvia Spatz, dtv Verlag, 2019

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8 Antworten zu Vier Töchter und ein verlorener Enkel – Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich gebe das Kompliment einfach mal zurück. Eine sehr schöne Besprechung. Vielen Dank für die Verlinkung, ich hole sie in meinem Beitrag noch nach. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Dankeschön! Mir ging es ein wenig wie dir, ich habe auch länger vor der Seitenzahl zurückgeschreckt, aber dann las es sich doch sehr schnell, weil es einfach so unterhaltsam, aber eben auch differenziert und klug erzählt ist. Viele Grüße!

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  2. Pingback: Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten“ – Zeichen & Zeiten

  3. thursdaynext schreibt:

    Du hast recht, deine Rezi triggert, danke dir

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  4. Pingback: Blogbummel zum Jahreswechsel – buchpost

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